Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 3 (1900)
- Article
- Rückblick auf das Jahr 5659
- Date
- 1900-01-01
- Page
- Seite 17 (sequence 14)
- Language
- German
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18 scheu Bauern die traurigsten Folgen hatten. Das sind die Früchte der unter Alexander IH. ausgestreuten bösen Saat! Jedenfalls haben Polizei und Soldaten jetzt nicht mehr, wie vordem, mit den Mördern und Plünderern gemeinsame Sache gemacht. Wir sehen, im Gegentheil, die Regierung in manchen Dingen eine den Juden günstigere Richtung einschlagen. In Petersburg ist aus den Gymnasien der jüdische Religionsunterricht zu einem obligatorischen gemacht worden. Den jüdischen Militärreservisten und sonstigen Privilegirten wird der Aufenthalt in ganz Rußland gestattet, selbst An den Dörfern des Grenzrayons. Der hochherzige Zar begünstigt direkt die Bildung neuer jüdischer Ackerbaukolonien. Der Senat, das heißt der russische Staatsrath, schützt die gesetzlichen Rechte der jüdischen Handwerker auf Niederlassung in den verschiedensten Städten. Indes so erfreulich diese Thatsachen im Einzelnen und als Symptome der in den höchsten Regionen des Staatslebens vorherrschenden Strömungen sind, sie können Wesentliches zur Hebung der überaus traurigen Lage der in eng begrenzten Wohnbezirken zusammengepferchten und in jeder Weise bedrückten Juden nicht bewirken. Die Hungersnoth und die wirthschaftlichen Krisen, die während der letzten Jahre Rußland heimsuchten, haben deren Verhältnisse noch sehr verschlimmert, besonders gerade Arbeiter und Handwerker betroffen. Das einzig Ersteuliche in dem betrübenden Bilde ist die Thatsache, daß die Juden selber die Bahn eröffnen, auf der sie aus dem materiellen und geistigen Elend herauszukommen hoffen dürfen, indem sie an vielen Orten Freischulen für die ärmeren Klassen ihrer Glaubensgenossenschast begründen. Möge nur hierin beharrlich und opfermuthig sortgefahren werden! — Unter dem Schutze des Zaren durften die Juden in der zentralasiatischen Stadt Merw, die vor Jahrzehnten von den verfolgungssüchtigen mohammedanischen Turkmanen zur Annahme des Islam gezwungen worden waren, zur Religion ihrer Väter zurückkehren und eine Gemeinde bilden. Der Religionshaß hatte auch in Griechenland nach der Beendigung des unglücklichen Türkenkrieges sich als Opfer der nationalen Verstimmung die Juden ausersehen,