Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 3 (1900)
- Article
- Rückblick auf das Jahr 5659
- Date
- 1900-01-01
- Page
- Seite 15 (sequence 12)
- Language
- German
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16 Ist dieses Sprichtwort wahr, so sind unsere italienischen Glaubensgenossen sehr glücklich. Sie fahren fort, unter dem milden Szepter Humberts I. und unter dem Schutze einer freien Verfassung sich unbedingter Gleichstellung mit ihren katholischen Mitbürgern zu erfreuen. Italien ist vielleicht dasjenige Land, wo der Antisemitismus am wenigsten Boden gesunden hat. Die romanische Schwesternation Italiens und Frankreichs, Spanien, hat im Verlaufe des neunzehnten Jahrhunderts die schwersten Unglücksfälle zu erdulden gehabt. Von Revolutionen und Bürgerkriegen zerrissen, wiederholt fremden Invasionen preisgegeben, aller ihrer Kolonien durch Aufstände beraubt, die die Unerträglichkeit ihrer Herrschaft bewiesen, ist sie verarmt und heruntergekommen, in geistiger wie materieller Beziehung. Die gebildete und politisch denkende Klasse der Spanier hat längst erkannt, daß der Rückgang von dem Zeitpunkt der Vertreibung der Juden und Mauren her datirt und sich seitdem immer reißender vollzogen hat. Einsichtige Politiker haben seit Jahrzehnten für Rückberufung der Juden in das Gebiet der Halbinsel ihre Stimme erhoben, und selbst die Führer der konservativ-klerikalen Partei haben sich der Einsicht nicht verschließen können, daß die Einführung eines so fleißigen und intelligenten Elementes ihrem Staatswesen von großem Nutzen sein würde. Der verstorbene Ministerpräsident Canovas bei Castillo hat darüber mit der Alliance israelite und mit der Leitung des Deutsch-Israelitischen Gemeindebundes verhandeln lassen. Es war vergeblich, weil man der Unduldsamkeit der von einer bigotten Geistlichkeit beherrschten spanischen Volksmasse mißtraute. Wagten doch die wenigen in Madrid und Barcelona ansässigen Juden nicht, sich als solche zu bekennen. Die schrecklichen Erfahrungen des letzten Krieges scheinen aber auch auf die breiten Schichten der Nation einen klärenden Einfluß geübt zu haben. Die dreißig Familien ehemals marokkanischer Juden, die in dem schönen Sevilla sich seit Jahren von Kleinhandel und Handwerk ernähren, durften den Beschluß wagen, sich eine Schule, eine Synagoge und einen Begräbßniplatz zu schaffen. So wird, nach vierhundertjähriger Unterbrechung, das Panier Judas wieder in Spanien er-