Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 3 (1900)
- Article
- Rückblick auf das Jahr 5659
- Date
- 1900-01-01
- Page
- Seite 14 (sequence 11)
- Language
- German
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15 unter ihm zu leiden; jüdische Offiziere und Unteroffiziere wurden durch ihn zum Duell und in den Tod getrieben. Lange Zeit hindurch hat die den Klerikalen und Chauvinisten wohlwollende Regierung der Republik diesen Ehrenmännern alles zu Liebe gethan. Ministerpräsident Meline und Präsident der Republik Faure, der allerdings unter der Drohung . handelte, man werde sonst seine bedenklichen Familienangelegenheiten in die Oeffentlichkeit ziehen, begünstigten nach Kräften die Antisemiten. Jetzt, unter Loubet und Waldeck-Rousseau, weht freilich ein anderer Wind. Aber auf wie lange? Von der unsagbaren Gehässigkeit und mörderischen Leidenschaft, mit der in Frankreich Schandredner und Schmutzpresse den Antisemitismus betreiben, kann man sich wenigstens in Deutschland keinen Begriff machen. Inmitten alles Kummers, ja persönlicher Gefahr, konnten die französischen Israeliten, und mit ihnen die der ganzen Welt, ihren Blick aus die trostreiche Gestalt der edelherzigen, nur im Wohlthun lebenden Baronin von Hirsch, einer wahren Heiligen, richten. Nun ist auch sie dahingegangen, zur tiefen Betrübniß aller gutdenkenden Menschen. Ihre gütige Gesinnung hatte noch ihren Tod zur Gelegenheit reicher Segensspenden für zahlreiche Werke der Barmherzigkeit und des Fortschrittes gemacht. Auch in Algerien greift die jetzige Regierung Frankreichs kräftig gegen die Schreckensherrschaft des antisemitischen Pöbels ein. Seine Vertrauensmänner sind ihrer öffentlichen Aemter beraubt, sitzen hinter Schloß und Riegel oder haben sich, wie der feige Maulheld Max Regis, nach dem Auslande in Sicherheit gebracht. Gut gezielte Flinten- und Revolverschüsse der öffentlichen Macht haben der Meute, die nur durch Straflosigkeit kühn gemacht war, die Lust an Aufruhr und Plünderung gründlich ausgetrieben. So scheint für die Kolonie und zumal für deren fleißige und ehrenhafte jüdische Bevölkerung — fast alles Arbeiter und Handwerker — eine bessere Zeit anzubrechen. Hoffentlich findet nicht im Mutterlande ein neuer Umschwung statt, der wieder die offiziellen Freunde der Mordbuben Algeriens zur Herrschaft bringt. Die glücklichsten Menschen und Gemeinsamkeiten sind bekanntlich diejenigen, von denen man nichts zu erzählen hat.