Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 3 (1900)
- Article
- Rückblick auf das Jahr 5659
- Date
- 1900-01-01
- Page
- Seite 12 (sequence 9)
- Language
- German
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13 schreiendsten Verletzung der gesetzlichen Vorschriften geführt; nicht nur der Advokat der Familie der Ennordeten, einer der wildesten tschechischen Agitatoren, sondern auch der Staatsanwalt, ja der Gerichtspräsident bezeichneten den Ritualmord als Grund des Verbrechens. Natürlich erfolgte seitens der fanatischen Geschworenen die Verurtheilung. Der höchste Gerichtshof in Wien wird selbstverständlich die ganze Prozedur als ungiltig erklären — aber einstweilen herrscht in Tschechien die schlimmste Aufregung; die Juden dort leben in steter Unsicherheit und die durch den Dreyfusprozeß tief gebeugten Antisemiten der anderen Länder jubeln über den Ausspruch des Kuttenberger Schwurgerichts. Dabei das entsetzliche Elend in Galizien, wo den ehrlichst und schwerst Arbeitenden, wie den jüdischen Bergleuten in Boryslaw, einfach der Stuhl vor die Thüre gesetzt und der Hungertod in Aussicht gestellt wird. Hunderttausende von Juden leben hier in geistiger Verkommenheit und grenzenloser physischer Noch, ohne daß sich bisher ein Weg zu ihrer Rettung zeigte. Alle Versuche, von Seiten der westeuropäischen Glaubensgenossen ihnen dauernd Hilfe zu bringen, sind gescheitert, und zwar an dem öden Fanatismus der Massen und an dem Jndifferentismus und der Selbstsucht der höheren Schichten, die mit dem antisemitischen Polenadel liebäugeln und ihm die Armen und Aermsten ihres eigenen Stammes zum Opfer bringen. Auch in den deutsch-österreichischen Provinzen haben sich die wohlhabenden und einflußreichen Israeliten nur allzu lange die schmachvolle Mißhandlung durch die Antisemiten gefallen lassen, die sie durch Unterwürfigkeit zu entwaffnen suchten. Endlich hat man in Wien einen „Allgemeinen Oesterreichischen Jsraeliten-Bund gebildet, der zugleich die Aufgaben des „Deutsch-Israelitischen Gemeindebundes" und die des „Centralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens" lösen soll. Ein wie verschiedenes Bild bietet sich uns, wenn wir die March und Leitha überschreiten: in Oesterreichs Zwillingsstaat Ungarn. Hier herrscht wahrer Liberalismus und mit ihm die glücklichste und vollkommenste Gleichstellung der Glaubensbekenntnisse. Der Ministerpräsident Szell verkündete