Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 3 (1900)
- Article
- Rückblick auf das Jahr 5659
- Date
- 1900-01-01
- Page
- Seite 11 (sequence 8)
- Language
- German
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12 so kann man leider von dem Nachbarreiche Oesterreich nicht das Gleiche sagen. Der wüthende Kamps der verschiedenen Volksstämme, der diesen Staat durchtobt, hat dort das Nationalgefühl bis zur Raserei gesteigert und läßt jeden, der nicht derselben Abstammung ist, in altheidnischer Weise als Feind, ja als Nichtmenschen erscheinen. Am übelsten sind die Juden daran, die zerstreut unter diesen sich befehdenden Nationalitäten leben und deshalb von jeder verstoßen und bekämpft werden: Deutsche, Polen, Tschechen, sonst die heftigsten Widersacher, in Einem sind sie einig, in der Gegnerschaft wider die Juden. Die macht- und rathlose Regierung aber sieht schweigend zu oder freut sich gar der Ablenkung der Volksleidenschasten auf die wehrlosen Israeliten. Während in Wien der berüchtigte Lueger mit seinen Radauleuten herrscht, in den Landtagen der deutschen Provinzen die schmutzigen Judenvertilger das große Wort führen, plündern die Bauern in Galizien die bettelarmen Juden vollends aus. Am schlimmsten aber geht es in Böhmen zu, bei denselben Tschechen, deren Führer noch vor kurzem nicht genug von Freiheit, Recht, Gleichstellung aller Nationalitäten predigen konnten. Jetzt verkünden sie dafür das Märchen von den jüdischen Ausbeutern und Ritualmördern. In Nachod und Horschitz brachen bei Gelegenheit von Ausständen der Fabrikarbeiter Unruhen gegen die jüdischen Kaufleute aus und konnten nur mit Mühe gefüllt werden. Diese lokalen Anzettelungen genügten aber den tschechischen. Agitatoren nicht, die das ganze Volk auftegen wollten, um es in seiner Leidenschaft gegen die Deutschen oder auch gegen die Regierung in ihrer Hand zu haben. Zu diesem Zwecke schien das schreckliche Vorurtheil des Ritualmordes sehr geeignet, das man zu den verschiedensten Malen anstachelte; bald sollte der Mord in Bayern, bald in Galizien, bald in Wien, bald in Böhmen selbst, bei Wildenschwert, vorgefallen sein. Alle diese Beschuldigungen lösten sich bald in ihr Nichts auf. Da kam die Blutanklage in Polna, wo die gewissenlosen Hetzer an dem Halse eines ermordeten Mädchens den „Schächtschnitt" zu constatiren sich vermaßen, und in einem übel beleumundeten Juden einen Menschen fanden, dem man die That zufchreiben konnte. Der Prozeß wurde mit der