Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 3 (1900)
- Article
- Rückblick auf das Jahr 5659
- Date
- 1900-01-01
- Page
- Seite 10 (sequence 7)
- Language
- German
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11 wurde eine Karpeles-Stistung in's Leben gerufen, von deren Zinsen Wanderredner für die schwächeren Vereine gewonnen werden sollen. Diese Litteraturvereine sind eines der stärksten Glieder der Kette innerer Reformen, deren Nothwendigkeit für die Judenheit wir vorhin hervorgehoben haben. Erfreulich ist auch die Ausdehnung des Instituts jüdischer Krankenpflegerinnen in Deutschland. Zu den Anstalten in Berlin und Frankfurt am Main ist jetzt eine weitere in Köln getreten. Tie Repräsentantenwahlen, die im vergangenen Herbst in der größten jüdischen Gemeinde Deutschlands, der Berliner, stattfanden, ergaben den Sieg der gemäßigt liberalen Richtung. Es steht zu hoffen, daß die erneute Vertretung in unparteiischer Weise auch die Anregungen, die die orthodoxe Fraktion zweifellos dem Berliner Gemeindeleben gegeben hat, zum Wohle der großen Gemeinschaft und zum Vorbilde für die ganze deutsche Judenheit verfolgen und weiter verwirklichen wird. Es kann nicht die Aufgabe dieses Rückblickes sein, auf Persönlichkeiten einzugehen. Allein es wäre undankbar, wenn wir nicht den Heimgang des großen und edlen Philosophen Professors Hajjim Steinthal erwähnen wollten, dessen Verlust uns eines unserer treuesten Glaubensbrüder, unserer herrlichsten und klarsten Geister, unserer hervorragendsten Vertreter beraubt hat. Gleichzeitig mit ihm beschloß Ludwig Bamberger sein Leben, der sich freilich kaum noch als Jude fühlte, der es aber stets verschmäht hat, durch heuchlerischen Uebertritt die großartige offizielle Wirksamkeit zu erlangen, die feine hohen, politischen, ökonomischen und schriftstellerischen Gaben, vereint mit der Lauterkeit seines Charakters, ihm als Nichtjuden gesichert hätten. Kein Minderer, als der geniale Historiker Mommsen, den niemand als einen Judenfreund bezeichnen kann, nannte den Dahingegangenen den „deutschesten Deutschen" — wahrlich ein ehrendes Zeugniß nicht nur für Bamberger selbst, sondern für alle deutschen Juden, denen man so gern ihr Deutschthum absprechen möchte. Wenn das vergangene Jahr im großen und ganzen für die Israeliten Deutschlands eine Zeit des Friedens war.