Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 3 (1900)
- Article
- Rückblick auf das Jahr 5659
- Date
- 1900-01-01
- Page
- Seite 8 (sequence 5)
- Language
- German
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9 Gerade im Abgeordnetenhanse kam es zu wichtigen Erörterungen über die von dem bisherigen Kultusminister Bosse oder vielmehr seinem brandenburgischen Provinzial- Schulcollegium angeregte Frage der jüdischen Lehrerinnen an den Berliner städtischen Schulen. Diesen sollte das Ordinariat in allen denjenigen Klassen entzogen werden, wo sich nicht wenigstens zehn Schülerinnen jüdischen Glaubens befänden. Damit wäre nicht nur den schon angestellten Damen das schwerste Unrecht geschehen, sondern auch, wie einmal die Berliner Schulen organisirt sind, in Zukunft die Anstellung jüdischer Lehrkräfte dort unmöglich gemacht. Nach vielfachen Verhandlungen in den städtischen Behörden, dem Repräsentanten-Collegium der jüdischen Gemeinde und dem Abgeordnetenhause kam es im jüngsten September zu einer „Vereinbarung" zwischen den Vertretern des Provinzial- Schulcollegiums und des Berliner Magistrats, die zwar für die Gegenwart den wohlerworbenen Rechten der israelitischen Lehrerinnen Rechnung trägt, für weiterhin aber die Anstellung solcher außerordentlich erschwert. Freilich hat der Magistrat ausdrücklich die Absicht ausgesprochen, in Zukunft für die Beseitigung dieser Schranken unausgesetzt thätig sein zu wollen. Erfreulicher ist die Thatsache, daß der Kultusminister endlich, zum ersten Male in den altpreußischen Provinzen, den Religionsschulen der jüdischen Gemeinden Unterstützung aus Staatsmitteln nach denselben Grundsätzen versprochen hat, wie sie für die Minoritäten der christlichen Bekenntnisse seit lange gelten. Leider sind diese Grundsätze der Art, daß sie gerade den kleinsten, das heißt bedürftigsten, jüdischen Gemeinden die Aussicht auf Staatshilfe abschneiden. Hier dürfte nur eine Vereinigung mehrerer Zwerg-Synagogengemeinden zu einer Schulgemeinde helfen, die hierauf die zur Erlangung der ministeriellen Unterstützung erforderliche Anzahl von zwölf Schülern nachzuweisen im Stande wäre. Der erwähnte Erlaß beweist ebenso wie die mildernde Einmischung des Kultusministers in die Angelegenheit der jüdischen Lehrerinnen Berlins, daß er ein persönlich wohlwollender und auch dem Judenthume als solchem keineswegs feindlich gesinnter Herr ist; aber die confessionelle Sonderung