Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 3 (1900)
- Article
- Rückblick auf das Jahr 5659
- Date
- 1900-01-01
- Page
- Seite 6 (sequence 3)
- Language
- German
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logenheit der Angriffe der Antisemiten, die Nichtsnutzigkeit ihrer Leiter und Wortführer, die Tiefe des den Juden zugefügten Unrechtes deutlich erwiesen. Ob diese günstige Wendung anhalten und weiterwirken wird, das hängt zum großen Theile von unseren Glaubensgenossen selbst ab. Es hilft ja nichts, die Augen absichtlich zu verschließen. Sicherlich, die Beweggründe der eigentlichen Anstifter und Verbreiter des Antisemitismus sind unlautere und verdammenswerthe; allein sie würden niemals den Anklang gefunden haben, der ihnen, man muß es mit tiefem Schmerze sagen, in fast allen Ländern zu Theil geworden ist, wenn wir selber nicht zuweilen durch unser Gebühren dazu Anlaß gegeben hätten. Die herbe Gewaltsamkeit unserer Geschicke während so vieler Jahrhunderte hat Unsicherheit, Mangel an Gleichmaß, schroffe Gegensätzlichkeit in unfern Stammescharakter gebracht. Deshalb die Unruhe, die Formlosigkeit, das laute hastige Wesen, das Haschen nach äußerer Auszeichnung und dem Beifalle Anderer; deshalb der schnelle Wechsel zwischen tiefer Niedergeschlagenheit und übermäßigem Glücksgefühl; deshalb neben der innigsten Familienliebe, der lautersten Wohlthätigkeit, wahrhaft idealem Opfermuth, schrankenlose Selbst- und Genußsucht. Vor allem hat die so lange andauernde Mißachtung und Versklavung in manchen Kreisen desjenigen Theiles unseres Stammes, der sich erst seit kurzem zur Emanzipation emporgerungen hat, einen bedauerlichen Mangel an Ehrgefühl erzeugt und erhalten. Diese Thatsache beruht ja nicht auf angeborenen Charakterfehlern des jüdischen Stammes, sie ist vielmehr die beklagenswerthe Folge des tausendjährigen Unrechtes und der Schmach, die Andersgläubige uns angethan haben: aber sie ist da und untergräbt immer wieder die Stellung, die sich die weit überwiegende Zahl der Juden durch Fleiß, Ehrenhaftigkeit, Nüchternheit und Begabung errungen hat. Von der großen Menge redlicher und trefflicher Juden hört man wenig; die Namen der wenigen Wucherer, Betrüger und Falschspieler gehen durch alle Zeitungen. Hier ist die Wunde, deren Heilung vor allem unternommen werden muß. Das Vertuschen und Schönfärben nutzt nicht allein nichts, es ist geradezu verderblich. Nicht sowohl der Abwehr nach außen bedarf es, sondern der inneren Resormrhängkeit. Wie sie zu