Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 3 (1900)
- Article
- Rückblick auf das Jahr 5659
- Date
- 1900-01-01
- Page
- Seite 5 (sequence 2)
- Language
- German
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6 Es ist zweifellos, daß aus dem französischen Generalstabe wichtige geheime Mittheilungen an die deutsche und andere auswärtige Regierungen gelangt sind; zum Theile freilich auf dem Umweg eines ungetreuen hohen Beamten einer Frankreich befreundeten Macht. Es steht nicht weniger fest, daß mehrere unter den obersten Führern des französischen Heeres mit den Geldmitteln des Staates sehr — nun sagen wir „leichtfertig" — umgegangen sind. Beide Thatsachen waren den Redakteuren der Pariser Antisemitenblätter durch ihre Beziehungen zu den im Heere einflußreichen klerikalen Kreisen wohlbekannt. Sie überschütteten die leitenden Generale öffentlich mit Schmähungen und drohten ihnen im Geheimen mit niederschmetternden Enthüllungen, wenn sie ihnen nicht zu Willen wären. Die Folge von dem allen war das Verfahren gegen Dreyfus, gegen den Juden, dem man nun die von Anderen begangenen Verräthereien aufpackte. Nur dieser Zusammenhang erklärt, weshalb die Häupter des Generalstabes sich so leidenschaftlich gegen den unglücklichen Hauptmann bemüht haben; weshalb Kriegsminister und maßgebende Politiker, aus Furcht, sonst die Schande der höchsten Heerführer enthüllt zu sehen, wissentlich der Lüge und dem Justizmorde Vorschub leisteten; weshalb schließlich die Offiziere des Kriegsgerichtes von Rennes eine Komödie in Szene setzten, die durch Verurtheilung Dreyfus" die Generale entlastet, durch den Widerspruch zweier Richter aber und die an sich sinnlose Zubilligung mildernder Umstände der Regierung die Begnadigung des unschuldig Verurteilten ermöglichte. Das ist kein Ausgang, der dem beleidigten Rechtsgefühl der gesummten civilisirten Welt irgend Genüge thäte; in dem Empfinden Aller bleibt vielmehr der verwundende Stachel des Unrechtes zurück. Am wenigsten befriedigend endet die Angelegenheit für das französische Volk. Es kennt Dreyfus" Schuldlosigkeit, es ahnt die Verbrechen seiner höchsten Heerführer. Aber gerade aus letzterem Grunde will es die erstere nicht zugeben. Für die Juden im allgemeinen hat, das dürfen wir feststellen, diese unglückliche Sache nur günstig gewirkt. Ein eklatanter Fall, der ungeheures Aufsehen erregte, hat die Ver-