Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 12 (1909)
- Article
- Der Weise und die Närrin
- Date
- 1909-01-01
- Page
- 272 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3111067-3111090-3112699--3391-3112990- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
272 bangt, daß sie ihr Erbein sorgloser Lustigkeit vergeudet, es sei ihr daher vorenthalten, bis daß sie ernst und weise geworden ist." Der älteste der Freunde nickte, die anderen aber schauten verwundert. -i- -i- * Nach Jahr und Tag standen Dinah und ihr Bruder vor den Freunden ihres verstorbenen Vaters. Dinah war vom schlanken Mädchen zur Vollreifen Frau erblüht. Ihr Gesicht leuchtete zwar noch immer in schelmischer Lustigkeit, ihre Haltung aber war edel und stolz, geruhig ihre Geste, gemessen ihre Sprache. Im linken Arm hielt sie behutsam ein kleines Bündel. „Tritt näher", sprach milden Tones der älteste der Freunde, „und sage, was Dich zu uns führt." Ein leises Lächeln huschte über ihre Züge, da sie zu sprechen anhub. Behutsam ging ihre Rede, jeden Augenblick stockte das Wort und ängstlich sah sie nach dem Bündelchen auf ihrer Linken. „Als mein Vater — er ruhe in Frieden — gestorben war, zog ich von dannen, bis ich unsere Nachbarstadt erreicht hatte; dort kam ich als Magd in das Haus eines angesehenen Mannes. Mein lustiger Sinn und die Fröhlichkeit meines Gemütes fanden Gunst in den Augen seines Sohnes, der mich zur Frau nahin. Nun ist uns ein Kind geschenkt worden, ein. süßes kleines Mädchen. (Ein Schimmer ernster Weihe zog über ihr lächelnd Angesicht.) Ich komme daher Euch zu bitten, daß ihm vom Erbe meines Vaters sein Anteil werde." „Tritt näher, daß wir Dein Kind sehen!" Behutsam tastete die rechte Hand an dem Bündelchen auf der Linken, sachte hob sie einen Schleier. Ihr Auge flog liebkosend über ein kleines, rosiges Gesichtchen und dann mit dem Ausdruck satter Seligkeit empor zu dem Alten. ", „Singst Du noch immer Deine munteren Weisen?" frug dieser das junge Weib.