Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 12 (1909)
- Article
- Der Weise und die Närrin
- Date
- 1909-01-01
- Page
- 273 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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278 Sie nickte wortlos. „So laß sie hören Deine Stimme!" Ein sorgenvoller Blick fiel auf das kleine Gesichtchen. „Ich vermags jetzt nicht", flüsterte sie, „mein Kindchen schläft, der Gesang könnt' es Wecken." Der älteste der Freunde nickte, die anderen üjber schauten verwundert. * -t- * Nun trat ben Abbas ha din, der Bruder, hervor mit seinem Begehren. Er war von Stadt zu Stadt gewandert, immer andern Sinnes, bei allen Gelehrten der Welt, nach der Weisheit der Dinge zu forschen und nach dem letzten Zweck des Lebens. Nach ruhelosem Umherziehen fand er endlich ein Heim im Hause eines großen Gelehrten, dessen Tochter er zum Weibe nahm. Ihm ward ein Kind bescheert und er kam, für seinen Sproß das Erbe seines Vaters zu begehren. „Ist Dir ein Mädchen geboren worden?" frug der Alte. „Nein", entgegnete er stolz, „sagte ich doch ein Kind — ein Knabe ists." „Wie alt ist Dein Sproß?" „In wenigen Tagen wird er zwölf Monate zählen." „Wem sieht er ähnlich?" Der junge Vater zögerte mit der Gegenrede. „Seiner Mutter Vater meint, er gleiche ihm, aber es ist Einbildung. So weise auch mein Schwager sonst ist, in diesem Punkte irrt er sicher, denn alle Welt sagt es, er ähnelt mir." „Ist es ein kluges Kind?" Des Mannes Gesicht errötete, die Augen leuchteten, ein Lächeln erhellte die ernsten Züge. Dann erzählte er hastig. „Ja, gelobt sei der Herr! Es ist ein kluges, schönes Kind von guter Artung. Es kennt alle Menschen und Dinge seiner Umgebung und es ruft nach ihnen, denn es spricht ganz deutlich und vernehmbar. 18