Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 12 (1909)
- Article
- Feine Seelen
- Date
- 1909-01-01
- Page
- 260 (sequence 55)
- Language
- German
- Belongs to
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260 Eltern und Geschwister und all der kleinen, in ihrer Innigkeit^ aber großen Zusammenhängen der Glaubensgemeinsamkeit, und sein Herz war wieder voll der Treue und Liebe. Was. ihm anfangs kaum ausgefallen war, . daß er in all diesen Jahren zumeist nur unter Christen gelebt, kam ihm dagegen jetzt öfter zum Bewußtsein. Die ersten Anfänge des Antisemitismus breiteten ihre düsteren, grauen, schweren Fittige über die moderne Kulturwelt aus. Noch scheuer, ängstlicher zog er sich von dem immer mächtiger anschwellenden Strom großstädtischen Gesellschaftslebens zurück. Bewußt jetzt, was früher unbewußt geschah. Als es bekannt wurde, daß er seine Stellung an der deutschen Monatsschrift aufgebe, wurde er mit Anerbietungen aller Art überhäuft. Für große neueKonkurrenzunternehmungen wollte man ihn gewinnen, angesehene Verleger boten ihm glänzende Stellungen an bereits bestehenden Zeitschriften, aber er lehnte alles ab, obwohl in ernsten, trüben Stunden die bange Sorge sein Herz beschlich, wie er seine Verpflichtungen gegen seine Angehörigen aufrecht erhalten könne. Eine echte Gelehrtennatur, sorglos und ohne Berechnung hatte er mit vollen Händen gegeben, solange er seine reichlichen Einkünfte bezog und nun waren diese Hände leer. Mit wehmütigem Blick schaute er sie eines Morgens an, als er wie alltäglich die Teffillin anlegte . . er hatte nicht gespart. Aber als erwüchse ihm aus diesem Zeichen neue Kraft, huschte ein verklärendes Lächeln über sein bekümmertes Antlitz. Gott würde schon weiter helfen! Und als er nach verrichtetem Gebet in sein Studierzimmer trat, da setzte er sich mit jugendlicher Begeisterung an seinen Schreibtisch. Ein schaffensfroher Mann der Arbeit, ein alter Jude des Herzens. Und das blieb er nun sein Lebelang. Er war damals Mitte der Vierzig. In rastlosem Eifer widmete er sich ganz den literarhistorischen Studien, und mit einem Spürsinn und Forscherblick ohne Gleichen fand er stets Neues, bedeutsames, interessantes auf den Gebieten , der Dichtkunst, denen er seine nachdenkliche, freisinnige Kritik, seine exakte, gewissenhafte Analyse angedeihen ließ