Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 12 (1909)
- Article
- Feine Seelen
- Date
- 1909-01-01
- Page
- 261 (sequence 56)
- Language
- German
- Belongs to
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— 261 Was aber seinen „Dichter" anbetraf, dein er sich besonders zuwendete, so mußte man manchmal verwundert diesem Gemisch von Objektivität und Enthusiasmus gegenüberstehen, die sich nicht ausschlossen, sondern vielmehr ergänzten. Und so war dieser ganze Mann, dieser echte Jude: klug und klar dabei doch sentimental und überschwänglich. Die feine Linie! Ja, diese unverrückbar feine Linie! Je mehr sein Ansehen in der wissenschaftlichen Welt wuchs, je mehr wurde sie für den sichtbar, der recht zu sehen verstand. Anerkennung, Ehre, Erfolge ließen ihn scheinbar kalt, aber in seiner Seele loht« die Flamme der Begeisterung für sein Lebenswerk. Daneben entwickelte sich ein Wohlwollen, eine Gütigkeit ohne Gleichen für alle die zu ihm kamen, bedrängten Herzens, belasteten Gemüts. Er wurde der Mittelpunkt aller dieser Interessen der Gemeinsamkeit und der Berater der Einzelnen unter seinen Glaubensbrüdern.. Niemand wußte wie es kam, er selbst am wenigsten, aber jeder wußte ihn zu finden. So wurzelte neben der Betätigung eines im Geiste neuester Forschungen Schaffenden, die Tradition, die Vergangenheit immer fester in seiner Seele. Aber auch seine Zurückhaltung wurde größer und eine förmlich keusche Furcht befiel ihn vor allen Äußerungen und Kundgebungen eines nach außen gerichteten Hervortretens seiner Persönlichkeit. Alle mit seiner Stellung und seinem humanitären Wirken im öffentlichen Leben zusammenhängenden Auszeichnungen wies er zurück. Verletzend fast für den, der hinter diesem scheinbaren Stolz nicht die rührende Bescheidenheit erkannte, die allerdings wiederum ihre Quelle in dem Selbstgefühl einer in sich beruhenden Persönlichkeit fand. Bis in ein hohes Alter aufrecht, voll innerer Heiterkeit, mit dem Ernste des Mannes und dem rastlosen Fleiße, der das Genie befruchtet, schritt er durch das Leben, das sich ihm mit so unendlich weiter Perspektive einst erschlossen, dem er gab, was er zu geben vermochte, und das in ihm jene feine