Mannheim
Compact Memory

Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur · 1909-01-01 · 12 (1909) · p. 259

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
Volume
12 (1909)
Article
Feine Seelen
Date
1909-01-01
Page
259 (sequence 54)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3111067-3111090-3112697--3376-3112977
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

259 und ihre Jünger. Und jetzt setzte diese merkwürdige Phase ein, die mich in diesen ganz modernen, mit allen Interessen des geistigen Lebens eng verknüpften, von den Weltanschauungen und Errungenschaften der Zeit ganz erfüllten, mit der Erkenntnis neuer Werte durchaus vertrauten Manns einen alten Juden erblicken ließ. Einen mit der unverrückbaren Linie der feinen Seele. Er hatte damals, als das Glück so unverhofft an seine Tür pochte und die Erinnerung an feine jüdische Knabenzeit so lebendig in ihm wurde, daß er sich fchnnickte mit den Teffillin, das Gelöbnis getan, seine Angehörigen teilhaftig werden zu lassen an seinen Erfolgen. Die materiellen kamen dabei zuerst in Frage, obwohl sie, wie das oft der Fall ist in den geistigen Werkstätten, nicht in dem rechten Verhältnis standen zu seiner Tätigkeit. Aber was bedeutete das? Es ging ihm gut ... gut genug, um den alternden Eltern ein sorgloses Dasein in der alten, geliebten Heimat zu bereiten unb den jungen Geschwistern, den Lebenspfad zu ebnen. Die Schwestern, beide an brave, fleißige Männer verheiratet, lebten in achtbaren, wenn auch bescheidenen Verhältnissen, auch der Bruder Kaufmann war längst etabliert und verheiratet und wußte, wo er in geschäftlichen Nöten immer eine Stütze fand, von den jüngeren hatte einer die polytechnische Hochschule bereits beendet und arbeitete praktisch in einer der größten Maschinenbauanstalten in einem Berliner Vororte, während der andere sich zum Staatsexamen rüstete, das er in Freiburg ablegen wollte. Alle diese Familienangelegenheiten ruhten in Ferdinand, des ältesteir Sohnes und Bruders Händen, wohlgeborgen. Sie waren seine stille Freude, aber auch oftmals seine stille Sorge, denn niemand wußte etwas von seinen Pflichten, niemand kannte seinen Familienstand. Was kümmerte das Fremde? Fremde! In solchen Stunden wurde ihm immer aufs neue klar,, daß er ein Fremder geblieben war, in allen diesen Beziehungen, die ihn in ihre Kreise gezogen. Sachlich nur, nie persönlich. Wie eine Leere zog es dann manchmal durch seine Seele, aber da gedachte er der Heimat, der

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.