Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 12 (1909)
- Article
- Feine Seelen
- Date
- 1909-01-01
- Page
- 258 (sequence 53)
- Language
- German
- Belongs to
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258 Man fing an, ihn hie und da als einen engherzigen, verbohrten Mann anzusehen, der den Offenbarungen des modernen Geistes sich absichtlich verschloß. Der der „Moderne" beu Zugang verwehrte in seine Zeitschrift und jungen Talenten den Weg versperrte. Er lächelte darüber, erst nachsichtig, dann bitter. Wußte er doch am besten, wie viel er getan, um fördernd und bildend einzuwirken auf Werdende und Strebende, wenn er auch nicht allen den „Ismen", die sie als Marksteine eigener Unfähigkeit aufpflanzten, willig Platz schaffte im deutschen Dichterwald. Das Wort Moderne tat chm. weh, verletzte ihn und er gestand es nur offen, er war nicht mehr ganz frei von Animosität, wenn irgend ein funkelnagelneuer „Ismus" ihm unterbreitet wurde. Desto emsiger und intensiver vertiefte er sich in seine eigenen Arbeiten, deren gründliches und feinspürendes Wissen ihm Beachtung und Hochachtung auch bei jenen sicherte, die sich chm nach und nach entfremdeten. Zu ihnen gehörte Professor Henzen. Je mehr er feine wissenschaftliche Bedeutung zu erkennen gezwungen war, desto ärgerlicher wurde er, weil er als Redakteur selbständig seine Wege ging und diesen Modernitätsparoxismus nicht mitmachen wollte, der jeden Tag neue, unerhörte Ingenien ankündigte und die Götter von heute zunr bvu mot von morgen machte. Das mußte zum Bruch führen. Beide fühlten es. Kein Heft erschien ohne vorhergehende Auseinandersetzungen, Erbitterung, Kämpfe . . . Veit litt darunter aufs schwerste und eines Tages war es so weit ... die deutschen Monatshefte erschienen unter einem neuen Redakteur, einem — allerneuesten. Wie schwer dieser Entschluß eingriff in Veits äußere Lage, in sein geistiges Leben, davon hatte niemand eine Ahnung. Still, wie er eines Tages gekommen, auf der Bildfläche des öffentlichen Lebens erschienen, war er wieder gegangen, verschwunden. Aber sein Wirken in dieser Zeitspanne konnte nicht spurlos untergehen. Er hatte einen Namen erworben, der guten Klanges und weithin bekannt. Ferdinand Veit! Respektvoll grüßte ihn die Wissenschaft