Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 12 (1909)
- Article
- Feine Seelen
- Date
- 1909-01-01
- Page
- 257 (sequence 52)
- Language
- German
- Belongs to
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257 sich und ihren Vorteil dachten und die heilige Sache, der sie dienen sollten, für sie nur das Mittel war, sich selbst zu nützen. Heilige Sache! Ein bitteres Lächeln umspielte seine Lippen, wenn er daran dachte, wie er damals hinauszog auf das Schlachtfeld der geistigen Arbeit. Um dort Siege zu erobern, ebenbürtig denen, die zur Aufrichtung des Reiches geführt. Was war daraus geworden? Utilität war heute die Parole. Ein grenzenloser Hang nach Ausbeutung der politischen Errungenschaften, ein Eroberungszug auf allen Gebieten des öffentlichen Lebens, ein Expansionstrieb ohnegleichen hatte sich aller bemächtigt und im Zeichen einer überstiegenen Genußsucht stand die mächtig anwachsende Reichshauptstadt. Veit konnte sich nicht verhehlen, daß dies nicht ohne Einfluß blieb auf das geistige Leben. Neue Richtungen, neue literarische Strömungen kamen auf und schienen die stetige, wurzelfeste Aussaat früherer Literaturepochen zu unterwühlen. Jeder Tag brachte neue Erscheinungen, bizarre und pretenziöse, solche die Beachtung heischten und solche, die sich andrängten, um von einer starken Bewegung sich mit an die Oberfläche tragen zu lassen. Es war eine schwere Zeit für einen Redakteur, unter all dieser Spreu den Weizen zu sichten und ach, so dürftig, gar so dürftig schien ihm die Ernte. Das machte ihn noch verschlossener. Er glaubte nicht an diese neuen Götter, die eine seltsame Priesterschaft in Weihrauchwolken hüllte, sodaß man sie mehr ahnen mußte als sehen konnte. Und diese Ahnungen betrogen meist. Viele! Nicht so Ferdinand Veit. Er hatte eine scharfe Auseinandersetzung mit dem Herausgeber und dem Verleger der Zeitschrift. Beide schienen geneigt, den neuen Kurs mitzumachen. Er bemühte sich, ihnen klar zu legen, daß es nur ephemere Erscheinungen' seien, die nicht Wurzel fassen würden in den urewigen Gefilden der Dichtkunst, die unreifes Urteil und Kligue zu unverdienter Bedeutung hinaufgeschrieen habe . . . er redete, aber er überzeugte nicht. Das empfand er schmerzlich. 17