Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 12 (1909)
- Article
- Feine Seelen
- Date
- 1909-01-01
- Page
- 254 (sequence 49)
- Language
- German
- Belongs to
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254 Priester dünkte er sich, berufen, an dieser Stätte zu wirken. Es lag in Veits Eigenart, eine Neigung zum Überschwänglichen, genährt durch die Einsamkeit seines bisherigen Lebens. Als er mir einmal davon sprach, später als wir längst vertraute Freunde waren, erklärte er mir diesen Charakterzug damit, daß er gewohnt, alle Dinge nur in sich zu verarbeiten und zu durchleben, seine Empfindungen und Anschauungen steigerte, um sie in voller Intensität auszukosten. Sowohl in Leid als Freud. Dadurch entwickelte er sich nach der einen Seite zu einer verschlossenen, herben, etwas mißtrauischen Natur, nach der anderen zu übergroßer Empfindsamkeit und etwas Sentimentalität. Er war sich dessen Wohl kaum bewußt, aber es blieb doch das Gepräge seiner Persönlichkeit und diese fand Anklang und Achtung in dem Lebenskreise, den ihm seine Stellung erschloß. Eine gewisse Zurückhaltung gab ihm Ernst und Würde weit über seine Jahre hinaus, und da er nebenbei bescheiden war und Achtung vor der geistigen Arbeit anderer hatte, wurde ihm der Verkehr mit den Mitarbeitern des Blattes verhältnismäßig leicht. Er fand Freunde und Gönner unter dieser: Männern der Feder, die ja im Allgemeinen leicht zu erzürnen sind und leicht zu begeistern. Er traf den rechten Ton diesen großen und größten kleinen Kindern gegenüber, „Deutsche Dichter" genannt, und den Gelehrten, derer wissenschaftlicher Autorität er in seiner Zeitschrift ein Piedestal errichtete. Diese vertrauten ihm ihre Dichtungen, jene ihre Arbeiten gern an. Er wurde beliebt und der junge, bis vor Kurzem noch völlig unbekannte Literat wußte das Interesse und die Aufmerksamkeit weiterer Kreise auf sich zu ziehen. vr. Ferdinand Veit galt etwas in dem neuen Berlin. Es kam ihm allerdings zu statten, daß eilt reges Leben auf dem frischen „deutschen Erdreich" sich entwickelte. Alles strebte empor zu Freiheit und Licht. Man berauschte sich noch immer wieder, immer wieder aufs Neue, an diesem seltsamen Getränk: „Deutsche Einheit", und wer den feurigen Trank gekostet, der gab sich freudig seinen Wirkungen hin.