Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 12 (1909)
- Article
- Feine Seelen
- Date
- 1909-01-01
- Page
- 250 (sequence 45)
- Language
- German
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- 250 — deren intellektuelles und religiöses Oberhaupt er war, konnte ihm nur einen kleinen Gehalt gewähren, der sich durch die tarifmäßigen Gebühren für Trau-, Geburts¬ und Totenscheine etwas erhöhte. Es kamen dazu freiwillige Spenden, die an Fest- und Feiertagen ihm in' Naturalien von den begüterten Mitgliedern des Gemeinwesens dargebracht wurden, und endlich Me Emolumente für besondere Leistungen, wie Trauungen, Einsegnungen und Leichenfeiern. Damit waren die Quellen seines Einkommens erschöpft, und Alles in Allem reichte es nur sehr knapp aus, um das kinderreiche Haus zu erhalten, standesgemäß zu erhalten in gewissem Sinne. Denn der Herr „Rabbiner", wie man ihn allgemein nannte, war eine Persönlichkeit voll bescheidener Würde, und daß seine Kinder gut erzogen werden mußten und etwas lernen sollten, war selbstverständlich. Zwei Schwestern und drei Brüder bildeten, mit Ferdinand dem Ältesten, den Familienkreis. Eine Mutter war der Mittelpunkt dieses Hausstandes, bei deren Gedenken Ferdinand Veit die Tränen der Rührung in die Augen traten. Ganz Liebe war sie, Güte und Opfermut. Von jener Selbstlosigkeit, die die jüdischen Frauen jener Sphäre oftmals auszeichnete und sie, ihr eigenes Leben nur in dem des Mannes und der Kinder leben ließ. Jede häusliche Tugend schmückte sie. Sie war fleißig, sparsam, demütig, hingebungsvoll und fromm. Sie scheute vor keiner Arbeit zurück und nahm die Nächte zu Hilfe, wenn die Tage nicht ausreichten für ihre vielfältigen Betätigungen, denn es sollte, trotz der unzureichenden Mittel, dem Manne nichts fehlen oder den Kindern an einem „bekoweten" Dasein. „Bekowet", das war der Inhalt ihres Lebens, „bekowet" das war sie in allen ihren Lebensäußerungen. Man hörte sie nicht, man empfand sie nur, man sah ihr Tun nicht, aber man fühlte es in seinen segensvollen Wirkungen. Und so war das Elternhaus Ferdinand Veits voll stiller, heimlicher Freudigkeit in all seiner Engnis und Kleinheit, in seiner Kümmerlichkeit und Einschränkung. Der gute Geist liebevoller