Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 12 (1909)
- Article
- Feine Seelen
- Date
- 1909-01-01
- Page
- 246 (sequence 41)
- Language
- German
- Belongs to
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246 fanget, ben einsamen, stillen, verschüchterten Menschen. Er fühlte, wie das Blut ihm heiß zu Kopfe stieg und mit hastiger Bewegung fuhr er sich über Augen und Wangen, als wollte er die Röte der Verlegenheit von seinem Antlitz wischen, denn wie in unbeholfener Verschüchterung stand er vor diesem Rätsel. Als hatte die Handbewegung ihn aufgeschreckt und wieder zu sich selbst gebrachtrichtete er sich empor und sagte Plötzlich ganz laut: „Au Or. Ferdinand Veit ist dieser Brief gerichtet, an Dr. phil. Ferdinand Veit!" Und als ob er durch diesen Anruf seine Fassung wiedergefunden, las er jetzt in vollster Bedächtigkeit den Brief ruhig und überlegend durch und mit einem Lächeln, das mehr Demut als Stolz verriet, murmelte er leise vor sich hin: „Also, ich . . . ich bin wer? Ich habe etwas geleistet? Man vertraut mir?" Er sprang in toller, knabenhafter Freude im Zimmer umher, das erste Mal in seinem Leben vielleicht übermütig. Aber bald legten sich die Wogen dieses ausgelassenen Jubels, er barg sein Gesicht in den Händen, und heiße Tränen entströmten seinen Augen. Und dann ging sein Blick suchend umher und haftete auf dem Schubfach einer alten, wackligen Kommode. Hastig sprang er auf, zog die Lade heraus und wühlte mit nervösen Händen darin umher, bis er ein kleines, ergrautes Sgmmetbeutelcheu daraus hervorzog. Er riß es auf und hielt in seinen Händen ein paar — Teffillin! Seit seiner Knabenzeit hatte er sie nicht wieder berührt, seit damals, als er nach seiner Barmizwoh hinauszog in die Welt, ein armer Jüngling, ein Suchender . . . ein Kämpfender. Darüber waren die Gebräuche der Heimat, die Uebungen des Glaubens ihm verloren gegangen und jetzt in dieser Stunde des Glückes waren die Erinnerungen daran über ihn gekommen, umstatterten und umschwirrten ihn wie zarte, weiße Tauben, zogen durch seine Seele wie Frühlingshanch und mit fester Hand heftete er die Tesfillin zwischen seine Stirn, umgürtete den entblößten Arm mit dem schmalen Riemen und sprach mit erhobener Stimme: „Lobsma üisrosl. ..! Adonai Elohenu, Adonai echod!“ *