Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 12 (1909)
- Article
- Feine Seelen
- Date
- 1909-01-01
- Page
- 244 (sequence 39)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3111067-3111090-3112697--3361-3112962- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
244 ganz dessen bewußt war, was sie ihrem Gatten einstens versprochen und was er, der sie zu so bevorzugter Lebensstellung erhoben, von ihr zu verlangen hatte, so wahrte sie sich doch in tiefstem Herzensgründe das, was sie sich selbst zu erhalten berechtigt schien. So schritt sie, eine Frau von höchster Vornehmheit uud Würde, durch ihre Welt, ohne daß jemals ein hartes Wort, eine rauhe Geberde, ein herbes Urteil ihre Nebenmenschen getroffen hätte, jemals Neid, Bosheit, Kleinlichkeit ihr Empfinden gestreift, jemals eine schroffe Zurückweisung jemanden verletzt hätte. Ihr Ohr war feinhörig für die geheimen Schmerzenslaute anderer, ihr Auge hellsehend für fremdes Leid. Und so vieles, was ihr fremd war an den Menschen, fremder wurde, je mehr sie sich vervollkommnete, wurde für sie Gegenstand der Duldung und nachfichtiger Beschönigung. Das Häßliche blieb für sie sehr nicht schön . . . wenn auch der Inhalt dieses Ausrufs nie wieder Klangfarbe gewann. Frau Clärchen Heilmann galt als eine Frau, klar und klug in allen Aeußerungen jener Weltmoral, die, in den Errungenschaften einer alten Kultur wurzelnd, dem modernen Leben sich anpaßte. So war sie als Tochter, so war sie als Gattin und Mutter, so war sie in ihren vielfachen Beziehungen zur Welt . . . modern. Ich aber erkannte in ihrer Persönlichkeit die feine Linie, die von der Tante Pessel hinüberführt in das Leben moderner Menschen, die immer alte Juden bleiben. III. Ferdinand Beit hatte Anfangs der Siebziger Jahre in Leipzig sein Doktorexamen bestanden und mit seiner Dissertationsschrift über „Die Nach-Goethesche Literatur" die Aufmerksamkeit weiter gelehrter Kreise auf sich gelenkt. Er selbst war sich des Wertes seiner Arbeit gar nicht bewußt, denn er war ein stiller, in sich gekehrter Mensch, der einen fast schüchternen Eindruck machte. Er erschrak daher beinahe, als er eines Morgens den Brief eines