Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 12 (1909)
- Article
- Feine Seelen
- Date
- 1909-01-01
- Page
- 243 (sequence 38)
- Language
- German
- Belongs to
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248 Heilmann! Eduard Heilmanns Gattin, die Mutter seiner Kinder. Ob sie ihn verstände? Und ob ne ihm verzeihe, daß er, der alles ans der Jugendzeit seiner Frau mit dankbarer Liebe init hinübernehme in ihr gemeinsames Leben, diesen Spitznamen nicht möge? . . . Die Mutter machte euren schwachen Versuch, diesen doch eigentlich harmlos-scherzhaften Beinamen zu verteidigen und ihn als eine Glorifikation ihrer Kindesseele rrnd als den Grundzug ihres Wesens hinzustellen, er aber beharrte daraus und sagte: „Um Wesen, Eigenart und Grundsätze seiner Frau zu erkennen, bedürfe es keines Beinamens, der ihm wenig geschmackvoll erscheine. Wer sie nicht verstände ohne aufklärende Bezeichnung, der sei desserr nicht wert -und so wenig konventionell er im allgemeiner sei, so gäbe es doch Rücksichten, deren man sich nicht entäußerrr dürfe. Um der Pflichten willen, die seine gesellschaftliche Position mit sich bringe, müsse man unter Umständen auch auf jene Intimitäten und innigen Zutraulichkeiterr verzichten können, die vielleicht denr Herzen wohltun, aber der Haltung nicht entsprächen, die man sich und andern schuldig sei. Noblesse oblige . . ." Diesem Gebote der guten Gesellschaft fiel Clärchen „Sehr nicht schön" zum Opfer. Das heißt, durchaus nicht Clärchen, aber ihr eigentümlicher Beiname. Aber seltsam, so ganz sie ihn äußerlich abgelegt hatte, so völlig er der Vergessenheit anheimfiel nnd nur, wie eine längst verklungene Sage aus der Kinderzeit ihrer jetzt so stolzen Tochter — im besten Sülne stolz — im Herzen der alten Mutter manchmal wiedererwachte, desto mehr prägten sich ihrem Innenleben die Merkmale auf, die ihr ihn erworben hatten. Unendliche Nachsicht, Güte und ein tiefstes Mitleid mit der Kreatur. Und das machte Clärchen Heilmann zu einer so außerordentlichen Erscheinung. Je mehr sie in die großen Aufgaben hineinwuchs, die das Leben ihr stellte, je reservierter und scheinbar kälter sie wurde, desto heißer und intensiver loderte in ihrer Seele das Gefühl jenes großen Mitleids, das nur einen Ausklang hat: alles zu verstehen und alles zu verzeihen. Wie sie sich 16*