Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 12 (1909)
- Article
- Feine Seelen
- Date
- 1909-01-01
- Page
- 240 (sequence 35)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3111067-3111090-3112697--3357-3112958- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
240 examen gemacht, durch Unterricht den kleinen Haushalt der Mutter mit erhalten helfen. Verklungen waren die Erzählungen aus der Familienchronik in den Sorgen des Alltags. Nur die Tanten Gitel und Pessel tauchten in ihren Erinnerungen auf, wie das gute und böse Prinzip des Lebens. Und als dann das schier unglaubliche Glück ihr zufiel, von einem der besten und angesehensten Männer zur Lebensgefährtin erwählt zu werden, da hatte sie auf seine Frage, ob es ihr schwer werden würde, sich den Anforderungen einer neuen Zeit zu fügen, ihr, die aus einer alten, in der Tradition erhaltenen Judenfamilie stamme, erwidert: Sie werde sein, wie er es wünsche und sie werde sein Haus führen in seinem Sinne und sie fühle, daß ihr dies nicht schwer werden würde, denn was in ihr bisher gelebt, gehöre der Vergangenheit an, mit der sie nur die Liebe zu ihrer Mutter verknüpfe; was aber jetzt in ihrer Seele sich rege, seit er sie erkoren und sein Vertrauen ihr geschenkt, sei ihre Zukunft ... ihr eigenes Leben und das seine! Er hatte sie daraus an sich gezogen und einfach gesagt: „so bist Du mein und Deine Mutter bleibt bei Dir, bei uns." Diese war sehr ergriffen, als ihre Tochter ihr von dieser Unterredung Mitteilung machte. Aber sie fühlte, daß sie kein Recht und keinen Grund hatte, etwas dagegen zu sagen. Nur ganz schüchtern fragte sie: „und wirst Du glücklich werden in diesen so ganz veränderten Verhältnissen?" Da hob ein tiefer Atemzug ihre Brust und mit einem jauchzenden Laut und fast prophetischer Stimme rief sie: „Ja, Mutter! Ja! Es zieht mich, Mutter, in dieses neue Erdreich, in das ich Dich mit verpflanzen werde. Es zieht mich fort aus der Welt, in der die Tanten Giteles gediehen! Gediehen alle diese Vorurteile, diese Härten, dieser Hochmut, dieser ... ja, dieser Fanatismus! Durch nichts gemildert, durch nichts geläutert . . ." Sie hatte sich in eine leidenschaftliche Erregung hineingeredet. Sanft streichelte die Mutter ihr Antlitz und sich zu ihr neigend sprach sie leise: „Und die Tanten Pesseles, mein Clärchen, die Tanten Pesseles . . ." „Die, ja die . . und die Mutter umschlingend rief sie