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Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur · 1909-01-01 · 12 (1909) · p. 239

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Journal
Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
Volume
12 (1909)
Article
Feine Seelen
Date
1909-01-01
Page
239 (sequence 34)
Language
German
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239 ernsten Pflichten, welche diese köstlichen Rechte mit sich brachten, durchaus gewachsen. Mit größter Umsicht und höchstem Verantwortlichkeitsgefühl leitete sie ihr Haus, und die vielfältigen Obliegenheiten, die sowohl die repräsentativen und wirtschaftlichen Pflichten, sowie die Erziehung der Kinder mit sich brachten, sahen sie stets auf dem Posten. Dabei war sie von geistiger Regsamkeit, interessierte sich für alle Fragen des modernen Lebens und legte Wert darauf, in diesem Geiste ihre Umgebung zu beeinflussen. Selbst bis zu Großmutters behaglichem Altenwinkel hatte sich diese neue Zeit geschlichen mit ihren gewaltigen Evolutionen auf sozialem und ethischem Gebiete. Eduard Heilmanns Haus stand ganz unter der Einwirkung . neuer Werte. Natürlich konnte dies nicht ohne Einfluß auf das religiöse Leben, beinahe schon auf das religiöse Bekenntnis bleiben. Die Kinder wußten wohl, daß sie als Juden geboren waren, aber nichts erinnerte sie daran. Ihr Elternhaus unterschied sich in nichts von denen ihrer christlichen Gefährten und Jugendgespielen. Die gleiche Zeiteinteilung, die gleiche Erholung. Die Sonntage waren ihre Sonntage und die Feiertage waren ihre Feiertage. Es gab keine religiösen Ausnahmetage und keine religiösen Ausnahmegesetze in diesem Familienkreis, nur der moralische Inhalt einer Weltreligion der Humanität erfüllte ihn. Ob die Großmutter dieses gänzliche Abstreifen alles jüdischen Seins und Wesens nicht schmerzlich empfand, erfuhr niemand. Sie hatte sich dareingefunden, und soviel Edles und Schönes wuchs um sie herum, strebte empor in segensreichem Gedeihen, daß sie es nicht vermocht hätte, die Formen höher zu bewerten als den Inhalt. Ihre Tochter hatte sich einnial, nur einmal init ihr darüber ausgesprochen, so ernst, so tief, so überzeugend, daß sie sich widerspruchslos den neuen Anschauungen anbequemte. Damals war es, als Eduard Heilmann, der reiche, vortreffliche Mann, um Clärchen warb. Er hatte das junge Mädchen in einer Familie, wo es unterrichtete,. kennen gelernt und sich für seine feine Eigenart interessiert. Clärchen hatte, nachdem sie ihr Lehrerinnen-

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