Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 12 (1909)
- Article
- Feine Seelen
- Date
- 1909-01-01
- Page
- 238 (sequence 33)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3111067-3111090-3112697--3355-3112956- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
238 chen Zeit zu einem klugen Gespräch mit der Schwiegermutter. Er berichtete ihr über die Ereignisse der Politik, des öffentlichen Lebens und der verschiedenen Vorkommnisse des Allgemeininteresses, das Wissenswerteste und hörte gern ihre Ansichten darüber, ebenso, wie er manchmal ihren Rat in geschäftlichen Dingen einzog. Denn schienen ihre Anschauungen auch in einer Zeit zu wurzeln, die ihm fremd war, so klang aus ihnen doch stets etwas an von Eindrücken, die sie gereift und geläutert hatten und in reichen Erfahrungen, sowie aus schweren Kämpfen und manchenEnttäuschungen, sich in ihr zu anmutiger Seelenheiterkeit durchgerungen hatten. Was die Schwiegermutter sagte, gab zu Nachdenklichkeit und Ueberlegung vielfache Anregung, selbst wenn es in die moderne Zeit sich nicht mehr ganz einfügen ließ. Die Enkelkinder gar sahen in Großmutti den Helfer in allen Nöten. Wo etwas nicht klappte, wurde sie in erster Reihe interpelliert und jedes Erlebnis dieser jungen Geschöpfe wurde ihr zu allererst anvertraut. Da galt es immer etwas auszugleichen unter den Geschwistern, deren kleine Streitigkeiten und Eifersüchteleien von ihr entschieden und beigelegt wurden. Auch die Geheimnisse, die Papa und Mama vorsichtig beigebracht werden mußten, erst aus der Kinderstube, dann aus der Schule, wurden durch Großmutti vermittelt . . . kleine Wünsche, kleine Sünden . . . Bunte Bänder rmd neue Hüte . . . zerbrochenes Spielzeug und schlechte Zensuren, Tanzstundenerlebnisse und Taschengeldsorgen ... für alles hatte sie das rechte Verständnis, guten Rat und treue Hilfsbereitschaft. Ihr Zimmer war immer der Sammelpunkt der Kinder des Hauses. War es nicht Franz, dann war es Annchen oder Frieda oder Tilli, jedenfalls aber Kurt und Erich, die man dort finden konnte, jeder mit einer äußerst wichtigen Frage oder vertraulichen Mitteilung sie für sich in Anspruch nehmend. Und all dies liebe, schöne Leben hatte seinen Ursprung in Clärchen „Sehr nicht schön", der glücklichen und beglückten Tochter, Gattin und Mutter dieses Kreises. Sie war aber auch allen den