Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 12 (1909)
- Article
- Feine Seelen
- Date
- 1909-01-01
- Page
- 237 (sequence 32)
- Language
- German
- Belongs to
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— 287 — sprechen gehört, sind die Schwestern meiner Großmutter „Golde", deren Namen Du trägst, . . . mein Goldchen, mein Clärchen!" Sie sah die Mutter mit erstaunten Blicken an. „Warum nennt man mich nicht „Golde", wenn ich so heiße?" fragte sie dann plötzlich „Weil in unserer Zeit Namen wie Golde, Pessele oder Gitele nicht mehr gebräuchlich sind." Clärchen blickte nachdenklich vor sich hin, als durcherlebte sie diese ganzen Vorgänge in ihrem Innern; man heißt anders heutzutage — und gibt es überhaupt noch Tanten wie Gitele und Pessele? Und wie war ihre Urgroßmutter, nach der man sie benannte? „Glich meine Urgroßmutter der Gitele oder Pessele?" „Sie war klug wie Gitele und gut wie Pessele!" Da umschlang sie die Mutter, und in leidenschaftlichem Zorn rief sie: „Ich mag aber diese Tante Gitele nicht, auch wenn sie klug war, sie war doch garstig und häß . . .!" sie stockte, die Stimme senkte sich und bekam einen Klang, wie in unterdrücktem Weinen: „sie war wirklich sehr nicht schön!" Aus den: kleinen Mädchen, das so energisch einst seiner Entrüstung Ausdruck gegeben hatte, war eine kluge, gute Frau geworden. Der Stolz und die höchste Freude ihres Gatten, Eduard Heilmann, eines angesehenen, begüterten Kaufmanns. Die abgöttische Verehrung und Zärtlichkeit ihrer Kinder verschönte und beglückte ihr Leben, und in einem warmen Eckchen saß die alte Mutter, umgeben von einer freudigen schönen Kindesliebe und einer an Demut grenzenden Ehrfurcht ihrer Umgebung. Ihre Tochter lauschte ihren weisen Worten, wie als Kind ihren Märchen, und als heranwachsendes Mädchen ihren Erzählungen aus der Familienchronik. Und als eine Autorität in allen Sachen des Gefühls, der Gerechtigkeit und Erfahrung galt Großmutter dem anmutenden Familienkreis, so gewissermaßen die Verkörperung einer sittlichen Weltanschauung. Der Schwiegersohn, ein tüchtiger, lebenskluger Mann, fand, trotzdem er in seinem Geschäft, wie von vielen gemeinnützigen Angelegenheiten sehr in Anspruch genommen war, immer ein Stündchen