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Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur · 1909-01-01 · 12 (1909) · p. 236

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
Volume
12 (1909)
Article
Feine Seelen
Date
1909-01-01
Page
236 (sequence 31)
Language
German
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236 — das erste Fest, das das arme Pessele mitmachte. Eine langwierige Krankheit schloß sich daran. Tante Gitele war in der Zwischenzeit von Pinsk nach Wien gefahren. Als Pessele genesen war, erzählte man ihr von dieser großen Reise. Was ihrer Krankheit voranging, war ihrem Gedächtnis glücklicherweise entschwunden. Sie war eitel Liebe, Güte und Bescheidenheit gegen alle Menschen. Niemals kam ein unschönes, unfreundliches Wort über ihre Lippen, und alles, was sie zu verneinen, oder abfällig zu beurteilen genötigt war, brachte sie in umschreibender Form vor, ihr ganzes späteres Leben lang. Der Ausruf: „Sehr nicht schön!" war ihr als einzige Erinnerung aus jener Schreckensstunde geblieben. Sie sagte nie, jemand sei häßlich, sie bezeichnet solche Personen nur als: „Sehr nicht schön!" Und so weich, gewissermaßen wie um Entschuldigung bittend, klang das, als erzählte sie eine lange Geschichte, von abgeschnittenen Locken, Verunstaltungen und Schönheitsfehlern, für die diese armen, unglücklichen, davon Betroffenen nichts konnten; jene Häßlichen, die in ihren Augen nur „sehr nicht schön" waren. So wurde für sie ein dummer Mensch ein „sehr nicht kluger", ein schlechter, ein „sehr nicht guter". Alles erschien gemildert in ihrem Urteil, jeder Rauheit und Härte entkleidet. In höchster Erregung war Clärchen dieser Erzählung gefolgt. Ihre Augen schimmerten in Tränen, sie ballte die Fäuste über Tante Gitel und schmiegte sich innig und zärtlich an die Mutter, als diese von Pessel sprach, als wollte sie ihrer Liebe und Bewunderung für diese damit Ausdruck geben. „Wieso weißt Du das alles, Mama?" fragte sie daun hastig. „Ist das alles wahr? Oder ist's ein Märchen, wie Du sie mir früher oft erzähltest, von guten und bösen Geistern, von Hexen und Feen, von fleißigen und faulen Kindern, von glücklichen und unglücklichen Menschen? ... „Die Mutter hatte Mühe das aufgeregte Mädchen zu beruhigen." Es ist kein Märchen, was ich Dir erzähle, in unserer Familie spielte die Geschichte in längst vergangenen Tagen. Die Tanten, von denen Du ja schon

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