Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 12 (1909)
- Article
- Feine Seelen
- Date
- 1909-01-01
- Page
- 235 (sequence 30)
- Language
- German
- Belongs to
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235 Jahren. Und die Jugend, fast noch im Kindesalter wie Pessele, harrte gleichmütig, kaum mit etwas Neugier, des Moments, wo auch sie dieser Zier beraubt, einem Mann vermählt würden. Irgend einein! Einem, den sie unter dem Trauhimmel zum ersten Male sahen, den die Eltern, die Freundschaft und Verwandschaft und vor allem der „Schadchen" für sie ausgewählt hatten. Niemand dachte daran, wie merkwürdig das eigentlich sei, was Clärchen, als sie davon hörte, für geradezu schrecklich und abscheulich erklärte. „Bräuche des Orients" beruhigte sie ihre Mutter, „du darfst die Leute deshalb nicht geringachten, mein Kind, andere Zeiten, andere Sitten", aber das leuchtete ihr nicht ein und sie verlangte dringend zu hören, was denn die Tante Gitel und die Tante Pessel dazu gesagt hatten. „Gar nichts mein Kind", sagte die Mutter ausweichend. „Doch, Mutter, Du weißt es", drängte Clärchen, „bitte, bitte sage es mir ..." Das junge Mädchen quälte so lange, bis die Mutter sich dazu entschloß, zu berichten, daß, als die letzte Locke fiel, die Tante Gitel mit ruhiger, fester Stimme: „Omen" gerufen habe, während die Tante Pessel mit einem lauten Aufschrei ohnmächtig zusammengebrochen war. Als sie wieder zu sich kam, war die Trauung vorüber und inan führte sie zu der jungen Frau, die sie mit dem veränderten Kopfschmuck zuerst gar nicht wieder erkannte. Lange sah sie sie an, und als die hinzutretende Schwester sie fragte: „Wie gefällt Dir Rebeckchen?" da rief sie nüt einer bei ihr ganz ungewohnten Energie: „Sehr nicht schön!" . . . Aber schon hatte die erzürnte Schwester ihr einen heftigen Schlag ins Gesicht gegeben, und mit einenr erschütternden Schmerzensschrei sank sie zusammen, rmd während das Blut ihr aus der Nase schoß und rot quellend sich über das himmelblaue Seidenkleid nrit den Silberborten ergoß, bis hinab zu beit kleinen, goldenen Pantöffelchen, murmelte sie immer wieder, wie in Abscheu erschauernd: „Sehr nicht schön . . . sehr nicht schön!" So verlief