Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 12 (1909)
- Article
- Feine Seelen
- Date
- 1909-01-01
- Page
- 234 (sequence 29)
- Language
- German
- Belongs to
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234 Diese stacken in goldenen Pantöffelchen mit hohen Hacken. Alle diese Toilettenwunder hatte Giteles Mann, ein reicher Kaufmann aus Warschau, für die kleine Schwägerin mitgebracht. Als sie in das Zimmer traten, wo die Hochzeitsgäste versammelt waren, hielt sie sich dicht neben ihrer hochgewachsenen, kostbar gekleideten Schwester, die wie eine Fürstin, mit erhobenem Haupte und gebieterischen Mienen, einherschritt; und damals war sie noch garnicht von Pinsk nach Wien gereist. Aber daß sie einmal etwas Unerhörtes vollbringen würde, daß war dem kleinen Pessele Gewißheit. Aengstlich klarnmerte sie sich mit ihren Händchen an die steife Falten des Brokatkleides, welches ihre Schwester trug und das mit Spitzen reich garniert war. Kostbare Brillanten prangten in den Ohren und ein Gehänge von herrlichen Edelsteinen ruhte auf dein Busen, während das Haupt mit der siebenreihigen Perlenbinde bedeckt war, die das Häubchen umgab, unter dem das Haar der verheirateten jüdischen Frauen zu jenen Zeiten vollständig verschwand. Beinahe ebenso verschwand das zarte Pessele hinter ihrer imposanten Schwester. Die Großmutter der Braut holte das verängstigte Kind aus den Rockfalten Giteles fast gewaltsam hervor, als man in das Nebengemach schritt, wo die Frauen versammelt waren, um der Ceremonie des Haarabschneidens beizuwohnen, der die Braut sich vor der Trauung zu unterziehen hatte. Diese war ein hübsches Mädchen mit rötlich-braunem üppigen Gelock, das über der Stirn sich widerspenstig aufbäumte. Mit gleichgültigen Mienen standen die Frauen und Mädchen umher, als unter der Scheere, der schwere, wunderhübsche Haarschmuck fiel. Klick-klack, klick-klack, . . . wie ein Jammerlaut klang es beinahe, aber niemand achtete darauf. So war es ihnen allen ergangen, den verheirateten Frauen, so würde es ihnen allen ergehen, den jungen Mädchen, und diese Sitte gab ihnen einen Zug der Gemeinsamkeit. Nicht jung sahen diese Frauen aus und nicht alt, waren es auch eigentlich nicht, denn es gab Großmütter unter ihnen, die kaum die Mitte der Dreißig erreicht hatten und Mütter von 16—18