Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 12 (1909)
- Article
- Feine Seelen
- Date
- 1909-01-01
- Page
- 233 (sequence 28)
- Language
- German
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— 233 durch soll die Reise von Pinsk nach Wien sie mit andächtigen Schauern erfüllt haben; wie etwa die Wallfahrten frommer Pilger in das gelobte Land, oder die Entdeckungsreisen kühner Forscher der aufhorchenden Welt als das Unglaubliche erscheinen. Für Pessele war Gitele glattweg ein Wunder, und sie soll sie stets mit einer an Ehrfurcht grenzenden Scheu betrachtet haben. Es kam dazu, daß außer dem großen Altersunterschied von 20 Jahren — 12 Geschwister standen zwischen beiden — Gitele groß und stark, Pessele dagegen klein und schwächlich war. Die ältere Schwester war bei der Geburt der jüngeren schon vier Jahre verheiratet und selbst bereits Mutter eines zweijährigen Knaben. Das Alles war dazu angetan, die Distanz zwischen den beiden so völlig ungleichartigen Schwestern ins Ungemessene zu erweitern, und einer Ueberlieferung zufolge, hätte das schwächliche Pessele nur demütig und verschüchtert mit der imposanten Gitele verkehrt, sie hätte nicht gewagt, sich in ihrer Gegenwart niederzusetzen. So etwas wie die Märchen vom Aschenbrödel und ihren stolzen Schwestern, oder von der Goldmarie und Pechmarie, klang aus den Erzählungen von „Gitele und Pessele". Mit glühenden Wangen und leuchtenden Augen lauschte Clärchen auf diese Geschichten und in ihrem Kinderherzen keimten tausend treue, liebevolle Empfindungen für die Tante Pessel, während Tante Gitel ihr kein zärtliches, verwandschaftliches Gefühl abgewann. Zu- und Abneigung steigerten sich aber zu bedenklicher Höhe, als sie einmal die Geschichte von der Hochzeit hörte, zu der beide Schwestern eingeladen waren. Pessele war damals 12 Jahre alt und man trug sich in der Familie sicherlich schon mit Heiratsgedanken für sie. Sie hatte ihr erstes seidenes Kleid bekommen; himmelblau war es, mit feinen Silberborten verziert. Die schwarzen Haare umwallten in dichtem Lockengewirr das blasse, schmale Gesichtchen, und vor lauter Aufregung über das große Ereignis vermochte sie sich auf ihren kleinen, schwachen Füßchen kaum aufrecht zu halten.