Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 12 (1909)
- Article
- Feine Seelen
- Date
- 1909-01-01
- Page
- 232 (sequence 27)
- Language
- German
- Belongs to
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232 der Mutter Höchster Stolz, denn sie hatte früher bessere Tage gesehen, war aus gutem Hause und hielt auch in ihren engen, kleinen Daseinsbedingungen immer ein gewisses Standesbewußtsein aufrecht, das ihr als Witwe eines Gymnasiallehrers zukam. Clärchen war ihr Abgott und ihre Hoffnung, und ihr widmete sie ihr ganzes Sein und beschäftigte sich nur mit ihr. Besonders entzückt war das Kind, wenn die Mutter Geschichten erzählte, solche aus der Vergangenheit, die sich mit markanten Erscheinungen aus der Familie beschäftigten. Solche waren die Tanten Gitel und Pessel. Diese war stolz, reich und streng, die andere gütig und mild. Die eine soll klug und beinahe gelehrt gewesen sein, denn sie konnte schreiben und lesen und war einer unverbürgten Mär zufolge sogar einmal nach Wien gereist, um dort die Aerzte zu konsultieren. Das war in jenen Zeitläuften noch nicht so allgemein üblich wie jetzt, weil man die weite Fahrt von Pinsk nach Wien mit der Postkutsche machen mußte. Auch bot die rituelle Verpflegung unterwegs große Schwierigkeiten. Tante Gitel fuhr aber trotzdem nach Wien; für ihre Gesundheit war ihr eben nichts zu teuer und zu schwer. Da sie glücklicherweise das Geld und die Energie besaß, so holte sie den Rat berühmter Professoren über ihren Gesundheitszustand dort ein. Ob sie infolgedessen neunzig Jahre alt wurde, hat die Familienchronik nicht sestgestellt. Da aber eine ebenso erfreuliche, wie respektable Altershöhe auch den übrigen Familienmitgliedern gegönnt war, so kann man jedenfalls nicht behaupten, daß es dieser Reise allein zu danken war, daß Tante Gitel so hoch zu Jahren kam. Von allen übrigen der großen, weitverzweigten Familie war kamn jemand über die engen Grenzen ihrer meist sehr engen Wohnorte herausgekommen. Die Tante Gitel, welche von Pinsk nach Wien fuhr, gewann daher eine fast legendäre Berühmtheit für den Verwandschaftskreis. Mit höchstem Staunen soll aber Tante Pessel von der Wunderfahrt ihrer ältesten Schwester gehört haben, ihr ganzes Leben hin-