Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 12 (1909)
- Article
- Feine Seelen
- Date
- 1909-01-01
- Page
- 231 (sequence 26)
- Language
- German
- Belongs to
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231 das Tiefste. Nie vergaß er, wie er unter der „Chuppe" gestanden, neben ihm, züchtig verhüllt, das junge Geschöpf, das er zu seinem Weibe machte mit der Trauungsformel: „Ha,-6h at mekadesches li". Damit fiel der Vorhang über dem letzten Akt seines Jugendspieles: Heimat! Und das Leben draußen in all seiner Vielgestaltigkeit und seinen modernen Strömungen umfing ihn. Er zeigte sich ihm gewachsen in seiner Kunst, in seinen Kämpfen und seinen Siegen. Diese machten ihn nicht mutlos, jene nicht stolz. Ein Mann, ein Künstler im höchsten Sinne gereifter, moderner Anschauungen war er geworden, aber in einem geheimen Schrein seiner Seele bewahrte er die Erinnerungen an seine Vergangenheit, wie geheiligte Reliquien: sein Judentum und seinen winterlichen Wald. Diesen malte, jenes betätigte er. Mit heißer Treue hing er an beiden, Wald und Judentum. In einem Waldviertel des Tatragebirges baute er sich ein Heim stiller Zurückgezogenheit von dem Weltentrubel und machte es zu einer Bildungsstätte für junge, arme, künstlerisch begabte Glaubensgenossen. Und er, ein ganz Moderner, in seiner Lebenshaltung und seiner Kunst, blieb ein alter Jude in seinem Herzen — die feine Linie — o, diese seine, seltsame, unverwischbare Linie! li Clärchen „Sehr nicht schön" hieß sie in dem kleinen Kreise, in dem sie und die Mutter lebten, Abkömmlinge einer hochangesehenen, polnisch-jüdischen Familie, die im Saufe der Zeiten überall hin verstreut, keinen rechten Mittelpunkt mehr hatte und nur in der Tradition das Gefühl einstiger Bedeutung bewahrte. Natürlich war das nur ein Spitzname, denn in Wirklichkeit war Clärchen von feiner Art, und ihr reines, edles Profil verriet, daß sie guter Abstammung sei. Eine ihr unbewußte Vornehmheit und eine Würde, die bei dem kleinen Mädchen oft komisch wirkte, paßten eigentlich nicht recht zu den bescheidenen Verhältnissen, in denen sie lebte. Aber dieses seltsame Wesen Clärchens „Sehr nicht schörllAwar