Mannheim
Compact Memory

Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur · 1909-01-01 · 12 (1909) · p. 231

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
Volume
12 (1909)
Article
Feine Seelen
Date
1909-01-01
Page
231 (sequence 26)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3111067-3111090-3112697--3348-3112949
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

231 das Tiefste. Nie vergaß er, wie er unter der „Chuppe" gestanden, neben ihm, züchtig verhüllt, das junge Geschöpf, das er zu seinem Weibe machte mit der Trauungsformel: „Ha,-6h at mekadesches li". Damit fiel der Vorhang über dem letzten Akt seines Jugendspieles: Heimat! Und das Leben draußen in all seiner Vielgestaltigkeit und seinen modernen Strömungen umfing ihn. Er zeigte sich ihm gewachsen in seiner Kunst, in seinen Kämpfen und seinen Siegen. Diese machten ihn nicht mutlos, jene nicht stolz. Ein Mann, ein Künstler im höchsten Sinne gereifter, moderner Anschauungen war er geworden, aber in einem geheimen Schrein seiner Seele bewahrte er die Erinnerungen an seine Vergangenheit, wie geheiligte Reliquien: sein Judentum und seinen winterlichen Wald. Diesen malte, jenes betätigte er. Mit heißer Treue hing er an beiden, Wald und Judentum. In einem Waldviertel des Tatragebirges baute er sich ein Heim stiller Zurückgezogenheit von dem Weltentrubel und machte es zu einer Bildungsstätte für junge, arme, künstlerisch begabte Glaubensgenossen. Und er, ein ganz Moderner, in seiner Lebenshaltung und seiner Kunst, blieb ein alter Jude in seinem Herzen — die feine Linie — o, diese seine, seltsame, unverwischbare Linie! li Clärchen „Sehr nicht schön" hieß sie in dem kleinen Kreise, in dem sie und die Mutter lebten, Abkömmlinge einer hochangesehenen, polnisch-jüdischen Familie, die im Saufe der Zeiten überall hin verstreut, keinen rechten Mittelpunkt mehr hatte und nur in der Tradition das Gefühl einstiger Bedeutung bewahrte. Natürlich war das nur ein Spitzname, denn in Wirklichkeit war Clärchen von feiner Art, und ihr reines, edles Profil verriet, daß sie guter Abstammung sei. Eine ihr unbewußte Vornehmheit und eine Würde, die bei dem kleinen Mädchen oft komisch wirkte, paßten eigentlich nicht recht zu den bescheidenen Verhältnissen, in denen sie lebte. Aber dieses seltsame Wesen Clärchens „Sehr nicht schörllAwar

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.