Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 12 (1909)
- Article
- Feine Seelen
- Date
- 1909-01-01
- Page
- 230 (sequence 25)
- Language
- German
- Belongs to
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230 Rausch des Erfolges, den überschwenglichen Erregungen jungen Ruhmes sich aufrüttelnd, reiste nach Hause, um den armen Waldschreibersleuten das Geld zu bringen, das er erworben, das Geld und seine Liebe. — Das Geld nahmen sie nicht an. Sie bestimmten es zur Ausftener der verwaisten Cousine, die er bei ihnen antraf und die er schon wenige Wochen später zu seiner Braut machte. Er hatte das Interesse, das ihm die Seinigen versagten, gerade bei ihr gefunden, die mit staunenden Blicken ein Bild entstehen sah, das er dort malte. Und wie sie stets neben ihm war in banger, zagender Verständnislosigkeit erst, unter allmäligem Verstehen endlich, das hatte ihn gerührt und er hatte sie an sein Herz gezogen. Fast angstvoll und mißtrauisch waren seine Familienangehörigen, verschüchtert das junge liebliche Geschöpf, das er erkoren. Es war, als trauten sie ihin nicht recht, weil er so anders war als sie, weil er so anders lebte und ein Künstler war. Der Gedanke erschreckte sie, ein Künstler, kein Jude! Ob er es ihnen auch immer wieder versicherte und zu beweisen sich bemühte, er war ein „neimodischer", ein moderner, kein „Jid", und darum nach ihrer Meinung kein Jude. Schmerzlich empfand er es, daß es ihm nicht gelingen wollte, diesen Vorurteilen zu begegnen; sie wurzelten zu tief in den Anschauungen und Lebensbedingungen dieser Menschen. Seine Zugehörigkeit zu ihnen gab ihm darum keine frischen, lebensspendenden Kräfte, erstarrt, verdorrt schien dort alles. Eine unendliche Bitterkeit quoll in seinem Herzen auf, aber er suchte ihrer Herr zu werden und diese Alten zu verstehen, da sie die Jugend nicht verstehen wollten, vielleicht nicht konnten. Und doch wie vieles nahm er von dieser Heimat hinaus in die große Welt! Die Erinnerungen au seine Kindheit, den Wald und nun die Gefährtin seines Lebens. Seine Hochzeit wurde in aller Stille im großväterlichen Hause gefeiert. Nach altein Ritus wurde er getraut. Es war das letzte, was von diesen halb verklungenen Bräuchen in sein neues Leben hineinragte,