Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 12 (1909)
- Article
- Feine Seelen
- Date
- 1909-01-01
- Page
- 229 (sequence 24)
- Language
- German
- Belongs to
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229 Bilder sahen sie mit scheuer Verlegenheit an, sie wußten nichts von ihrem Wert, sie erkannten ihre Notwendigkeit nicht an, und die Idee, daß er ein Künstler sei, erfüllte sie mit äußerstem Unbehagen und entfremdete sie ihm ganz. Unter Künstler verstanden sie einen Taschenspieler oder Bänkelsänger oder Seiltänzer; ein Goj! wie er die Märkte bezog und auch in ihre weltferne Gegend manchmal verschlagen wurde. Das Wort schon verletzte sie, und man mußte vollständig davon Abstand nehmen, ihnen seine Bedeutung klar zu machen. Selbst dem hochverehrten Vetter, dessen Wald sie trotzdem in unentwegter Treue ausroden halfen, gelang es nicht, sie zu überzeugen und zu überreden; sie grollten ihm wohl auch innerlich, und so war Abraham, wenn er sie aufsuchte, ihnen nur der Sohn, der Enkel, aber niemals der Künstler, als den chn die Welt pries. Aber merkwürdiger Weise, je ablehnender sie sich seiner Welt gegenüber verhielten, desto mehr klammerte er sich an die ihrige. Mit wahrer Inbrunst hing er an der Heimatserde und an den Heimatsbräuchen. Mit innigstem Ergriffensein nahm er teil an den religiösen Verrichtungen der Familie und obwohl er, erfüllt von dem starken Lebensdrang einer Künstlernatur, vieles abgestreift hatte von den formalen Manifestationen seines Glaubens, in seinem Innern lebte dieser fort, und nur der leisesten Berührung bedurfte es,-um eine stille, heimliche Musik der Jugendzeit in ihm anklingen zu lassen. In einer solchen Stimmung hatte er einmal eine entfernte Verwandte seiner Mutter, ein junges, verwaistes Mädchen, daheim angetroffen. Er war von Paris gekommen, wo eine seiner Winterlandschaften auf der Ausstellung den. ersten Preis bekommen hatte. Ueberall sprach man von dem jungen galizianischen Künstler und von dem undefinierbaren Reiz seines Bildes. Die Kunstkritik lobte einmütig den keuschen, schlichten, reinen und überzeugenden Ton des Gemäldes, ohne zu ahnen, daß es sein Persönlichstes war, was darin sich aussprach. Eine der ersten Kunsthandlungen erwarb das Bild, man. bemühte sich um ihn, man feierte ihn und er, aus dem