Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 12 (1909)
- Article
- Feine Seelen
- Date
- 1909-01-01
- Page
- 227 (sequence 22)
- Language
- German
- Belongs to
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227 ihm besondere Aufmerksamkeit, und Abraham Friedsohn zeichnete mit wahrer Leidenschaft, Alles was sich seinem Auge malerisch darbot. Das Schulzimmer, die Häuser und Kirchen und Brücken, die Türme, die Bogengänge des Tuchlaubengebäudes, die engen Winkel und das verfallene Gemäuer der Judenvorstadt in der er lebte, erstanden unter seinem Stift in überraschender Naturwahrheit. Jede freie Stunde widmete er dieser neuen Beschäftigung, die ihm eine unsagbare Freude bereitete. Noch wußte er nicht, was es war, was ihn so beseligte und was es bedeute, was in ihm sich regte. Aber der schöpferische Geist war in dem armen Judenjüngling lebendig geworden. Der Lehrer hatte den Holzhändler auf das außerordentliche Talent seines Schützlings aufmerksam gemacht und dieser war einsichtsvoll und klug genug sich für die Ausbilduug Abrahams zu entscheiden. Er brachte ihn zum Direktor der Akademie der bildenden Künste, und dieser erklärte sich sofort bereit, ihn aufzunehmen. Aber daheim im Walde gab es argen Widerspruch. Friedsohn Vater und Friedsohn Sohn waren ganz außer sich über diese Eröffnungen. Ihr Awromele sollte nun weder Rabbiner, noch Waldschreiber werden, sondern Maler . . . welches Unglück! Maler! „Hat man so was je gehört? A jüdisch Kind und — Maler. Was is Maler?" Ja was ist ein Maler? Ein Künstler! Ja, was ist ein Künstler? Wer sollte ihnen das begreiflich machen? Ein Maler!? Ein Künstler!? Friedsohn der Altere war ins Grab gesunken, ohne es begriffen zu haben und Friedsohn der Jüngere hat wohl auch niemals das rechte Verständnis dafür gewonnen, selbst als sein Sohn schon ein sehr berühmter Mann war, und er verschiedene Bilder von ihm gesehen hatte. Diese Bilder! Diesen Schnee! „Der Schnee liegt doch draußen auf dem Feld im Winter . . . und nu hängen sich ihn die Leut' ins 15*