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Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur · 1909-01-01 · 12 (1909) · p. 226

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Journal
Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
Volume
12 (1909)
Article
Feine Seelen
Date
1909-01-01
Page
226 (sequence 21)
Language
German
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226 des Talmuds vertiefte er sich mit rastlosem Eifer in seine Studien. Sein Wesen bekam in dieser Zeit etwas abgeschlossenes, für sein Alter allzu ernstes. Aber neben dieser, bei jüdischen jungen Leuten sehr häufigen Frühreife, die den äußeren Lebensumständen entspringt, war etwas naives, weltentrücktes, verträumtes in ihm, das in seinem Innern ruhte. Dort hatte der Wald seine Wurzeln fest versenkt, dort entstanden Zauberformeln und Märchenträume, und dort wuchs die Frage nach dem Geheimnis künstlerischen Gestaltens. Wuchs und wuchs, wurde immer brennender, immer intensiver, immer deutlicher. Bald war es nicht mehr eine Frage ... ein Wunsch wurde es. eine Sehnsucht, ein Drang und ein Wille. Ohne daß er sich dessen so recht bewußt war, entstand eines Abends auf einem abgerissenen Blatt Papier seine erste Zeichnung. Er starrte darauf hin und hielt es für ganz unmöglich, daß etwas, was man vor sich sah, Form gewinnen konnte, eine Wiedergabe finden durch eine einfache Manipulation. Denn schließlich hatte er nichts getan, wie mit seiner Feder auf dem weißen Papier Striche gezogen. Er ahnte nicht, was für Striche, und wie er die Ecke seines engen Zimmerchens festgehalten, die er von seinem Arbeitstisch aus überblickte. Es war frappant, und er selbst mußte lachen, als er das Brett auf dem allerhand Gerät stand und darunter den alten Lehnstuhl wiedererkannte, auf dem Papier, das vor ihm lag. In der Schule war er vom Zeichenunterricht von Anfang an dispensiert worden, auf Wunsch seines Beschützers, der dies für unnützen Zeitvertreib erklärte. Er wußte daher garnicht, daß zu erlernen sei, was er intuitiv vollbracht, und erst als er einem seiner Mitschüler seine Zeichnung gezeigt hatte, ganz verstohlen, aus Furcht ausgelacht zu werden, und dieser ausgerusen hätte: „Du, Friedsohn, Du mußt zeichnen lernen, warum kommst Du nicht zur Zeichenstunde?", erbat er von seinem Vetter die Erlaubnis, sich daran beteiligen zu dürfen. Damit war der erste Schritt getan auf dem Wege zu seinem Künstlerruhm. Seinem Lehrer fiel seine ungewöhnliche Begabung sehr bald auf, er widmete

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