Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 12 (1909)
- Article
- Feine Seelen
- Date
- 1909-01-01
- Page
- 225 (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
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225 Sonne, Mond und Sterne. Und dabei war damals schon jener Stern über ihm aufgegangen, der ihn zu den Sonnenhöhen des Lebens geleiten sollte, zu den Höhen der Kunst. Mit einigen Mitschülern war er einmal in der Jagellonischen Universität, und hatte in einem mit Malereien geschmückten kleinen Saal ein Bild gesehen. Er stand wie vor einer Offenbarung, völlig fassungslos. Nicht so vor dem was er sah, sondern vor dem Wunder des Geschehens. Wer konnte solches vollbringen? Ein See war es, von Bäumen umstanden, die sich in der glänzenden Wasserfläche abspiegelten, und am Ufer im blumigen Moos lag ein Knabe und starrte in das Wasser. Abraham konnte sein Antlitz nicht sehen, aber ihm war, als sei er es selbst, denn oftmals hatte er daheim, so dagelegen und hatte in das Wasser eines kleinen Sees geblickt, um zu ergründen, was seine Tiefe birgt. Und neben ihm standen die Weiden mit herabhängenden Zweigen und die Blumen blühten im Grase. Das aber war Wirklichkeit und hier . . . wer hatte denn das hierher gezaubert, so wie er es hundert und hundert Mal gesehen und erlebt, draußen im Freien, in der Natur und nicht so, in einem Raum, wo kein Himmel darüber war, nur eine Decke mit ineinander verschlungenen Ringeln, und wo es an einer Wand hing und in einem goldenen Rahmen steckte und gar nicht wirklich war und doch so wirklich! Es war das erste Bild, das er gesehen und der Eindruck, den er davon empfangen, war so überwältigend, daß er ihn nicht wieder los wurde. In seinem Geiste aber war von diesem Augenblick an doch etwas Fremdes, Neues . . . wenn der Vater und Großvater es gewußt hätten, sicherlich hätten sie ihn zurückgeholt damit ihre Befürchtungen nicht in Erfüllung gehen und er etwas „meschuggenes" in den Kopf bekomme, wie sie damals an den Vetter schrieben. Er bewahrte daher dieses Erlebnis als tiefstes Geheimnis in seiner Seele. Aber er beschäftigte sich immerfort mit dem Gedanken, wie man so etwas vollbringen könne und als könnte er dieses Rätsels Lösung in den Büchern finden oder gar in den krausen, verschlungenen Gedankengängen 15