Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 12 (1909)
- Article
- Feine Seelen
- Date
- 1909-01-01
- Page
- 224 (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
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224 - sitzen, einen kleinen Jndenknaben aus dem Cheder in eine staatliche Unterrrichtsanstalt zu verpflanzen. Nach einigen energischen Verhandlungen seinerseits gaben die beiden Friedsöhne ihre Einwilligung, wenn auch weniger innerlich überzeugt, als aus Respekt vor der holzhändlerischen Autorität. Und so kam ein Tag, an dem Abraham Friedsohn als Schüler der Krakauer Volksschule wirklich lernen durfte, was ihm den Pfad zu einer allgemeinen Bildung ebnete. Mit Rührung gedachte er dieses denkwürdigen Tages und auch des Mannes, der ihm dazu verholfen und der auch bereits tot war, wie der Großvater. Wie weit ab lag das Alles von seinem heutigen Leben, von Erstrebtem und Erreichtem! Wie wunderbar war der Weg, den er gewandelt! Von jenem Tage an. da er zum ersten Mal auf einer Schulbank saß, in einem geräumigen Klassenzimmer, neben seinen christlichen Mitschülern. Es war so ganz anders, wie das was er bisher gewöhnt war und fast schien es, als überkomme ihm Heimweh nach dem Cheder mit seiner stickigen Lust und dem monotonen Singsang der Lernenden. Er mußte sich bezwingen, um der so völlig veränderten Umgebung sich anzupassen, aber es gelang seinem festen Willen und seinem Eifer, und bald galt er auch in der Schule als einer der bravsten und fleißigsten Schüler. Er war damals zwölf Jahre alt. An ein rechtes, freudiges Lernen ging es nun. Dabei vernachlässigte er durchaus nicht seine hebräischen Studien und die großen Fortschritte, die er ans diesem Gebiet machte, söhnten den alten „Melamed" des Cheders beinahe aus mit dem Gedanken, daß er auch anderes lernte. Wie er das tat, und was er erlernte, trug in die traurige Existenz, die er mit seinen Glaubensgenossen im freudlosen Judenviertel teilte, Licht und Wärme. Er hatte etwas, was ihn erhob über das Elend und die Engnis dieser Daseinsbedingungen. Was ihn erhob und später hinaustrug zu jenen Höhen, die er damals nicht einmal ahnen konnte und die ihm wohl, wenn er von ihren Möglichkeiten überhaupt etwas gewußt hätte, so unerreichbar erschienen wären, wie