Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 12 (1909)
- Article
- Feine Seelen
- Date
- 1909-01-01
- Page
- 220 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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220 „Das muß man Vater, und den Wald inuß man schonen, sonst hört er einmal ganz auf und Du und der Großvater haben dann keine Bäume zum Abhauen und der Vetter kriegt kein Geld . . ." Erschrocken blickte der Vater um sich, als müßte diese fürchterlicheVerheißung sofort in Erfüllung gehen. Aber noch stand der Wald so voll von Bäumen, daß nichts zu befürchten war. Sie würden Bäume abholzen, hundertjährige und jüngere bis — hundert Jahr! Er und sein Vater. Aber mit dem Jüngel, mit dem Awromele mußte was geschehen, das wurde ihm in diesem Augenblicke klar. Im Sommer will er den Wald pflanzen und im Winter behauptet er, daß der Schnee rot ist und blau und gelb . . mit Schrecken erinnert er sich daran, was seine Eltern ihn: damals davon erzählt hatten. — Der Winter war darüber vergangen, der Schnee war geschmolzen, durch den der Knabe noch oft gewatet war zum Überhören am Schabbes, und dann war der Lenz gekommen und der Sommer, und jetzt saß er auf einen: Baumstumpf und wollte wissen, wer den Wald gepflanzt? . . . „Der Wald . . . der Wald wird ihn noch ganz meschugge machen ..." dachte Jossel Friedsohn und beschloß am nächsten Freitag selbst zu seinem Vater hinüber zu gehen, uni mit ihm zu beraten, was man mit Awromele machen solle, um ihn die „Narrischkeiten" abzugewöhnen. In ein großes Atelier der Weltstadt führen die feinen Fäden von dem galizischen Waldgebiet. Drei Jahrzehnte sind darüber hingegangen. Der alte Wäldschreiber ist längst gestorben, der junge ist ein alter Mann geworden, und der kleine Knabe, der zwischen ihnen aufwuchs, in dem Wald, den Vater und Großvater ausholzten, ist ein berühmter Meister geworden. Er hatte die Farben und die Stille und den Zauber des Waldes in seiner Seele davongetragen, damals als man ihn fortgeschickt in die Stadt, um in den engen Räumen des Cheders vernünftiges zu lernen und die „meschuggenen" Ideen von angepflanzten Wäldern und buntschillernden Schneeflächen zu vergessen. Viel zu sehr liebten sie das „Jüngel" um nicht das Opfer der Trennung zu bringen.