Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 12 (1909)
- Article
- Feine Seelen
- Date
- 1909-01-01
- Page
- 219 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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219 Das hatte er nun vor Vater und Großvater voraus, zwischen denen er hin und her pendelte und zusah, wie sie geschäftig die Bäume abzählten und aufnotierten, wie sie mit den Arbeitern zankten und vor den Käufern, die ihre Ware besichtigten, sich devot verneigten. Ware! die Bäume . . seine Bäume! Und wenn das so weiter ging würden sie eines Tages alle abgehauen sein! Auf den Baumstumpfen konnte er dann sitzen ganz allein, denn der Vater und Großvater würden gewiß nach Krakau fahren, um das Geld für den letzten Baum einzukassieren. Der kleine Mann faß wirklich auf einen Baumstumpf, als ihn diese Gedanken bewegten, aber noch stand der Vater neben ihm und sich -rasch zu ihm wendend fragte er ganz unvermittelt: „Wer Pflanzt den Wald, Vater?" Die Fragen des Jungen waren in der Familie schon längst gefürchtet, und man erzählte sich davon halb bewundernd halb beunruhigt. „Den Wald? der wächst von alleine .. " „Und wenn ihr ihn ganz abgehauen haben werdet, wo wird er dann wachsen?" Der Vater blickte ratlos um sich: „Wer kann das wissen?" „Weiß es vielleicht der Seide?" „Wie kann der Seide das wissen, was kein Mensch weiß..." „Ich weiß es aber Vater, den Wald muß man pflanzen . . . wenn ihr hundert Bäume abhaut, müßt ihr hundert Bäume pflanzen ..." Die Idee des Forstschutzgesetzes dämmerte in dem Jungen auf. „Es dauert hundert Jahr, bis ein Baum so groß und stark wird, wie diese Eiche . . .", sagte der Vater und wies auf eine Rieseneiche in ihrer Nähe. „Es giebt auch schwache, dünne Bäume, die stark werden." „Du mußt dann hundert Jahr warten, bis man sie fällt ..."