Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 12 (1909)
- Article
- Feine Seelen
- Date
- 1909-01-01
- Page
- 218 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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218 — Arbeitsfrucht erfreuen und sich auf sich selbst besinnen. Das führte sie zu dem, was des ärmsten, einfachsten Juden innerster Besitz bleibt: die Tradition und die Lehre. Wer sie nicht selbst besaß strebte sie für seine Nachkommenschaft an und befestigte damit seine Zusammenhänge mit dem auserwählten Volke, dem er sich zugehörig wußte. Daraus erwuchs auch dem Geringsten unter ihnen das Gefühl, sich in Stolz und Würde als das Besondere zu dünken. Das gab ihrem Leben einen reicheren Inhalt, als die Armseligkeit ihrer Existenz es begreiflich erscheinen ließ. Innerhalb dieser eigenartigen Daseinsbedingungen gedieh der kleine Abraham. Ihn freute was die Großeltern und Eltern freute, sein junges Herz war erfüllt von dem was ihre kleine Welt bildete. Die Bäume, richtig eingeteilt, gezählt, zum Abholzen bestimmt, die ganze Nutzbarmachung des Waldes waren ihm von frühester Kindheit an geläufig. Ec hörte, sobald er überhaupt zu begreifen anfing, nichts anderes jahrein jahraus. Eines Tages aber sah er etwas anderes: Er sah den Wald in seiner ewigen Schönheit, er sah über den Stämmen, der Axt und Säge geweiht, das breite Blätterdach sich ausbreiten, er sah die Vögel in den Zweigen nisten, er sah den grünen Moosteppich von Farrnkraut durchwuchert, er sah die Waldbeeren in zierlichen Büschen hervorlugen, das lila Haidekraut sah er, die grünlich-weißen Schneeglöckchen und all das bunte, zierliche Waldgeblüh. An Busch und Strauch sah er Blüten, und des Lenzes lichtes, durchsichtiges Blätterwerk, und des Herbstes fallendes Land, rostbraun und gelblich. Und nachdem er soviel gesehen, fing er auch anderes zu hören an, als den Umfang, die Höhe, die Anzahl, den Preis der Bäume und die Axthiebe, die sie fällten. Er hörte mit einem Mal die Vögel zwitschern, er hörte die Lerche jubilieren und die Nachtigall klagen, er hörte Specht und Käuzchen, er hörte den Kuckuk und die Amseln; auf das Rascheln der Eidechsen lauschte er, und des Eichhörnchens flüchtige Sprünge beobachtete er. Das Leben der Natur wurde ihm verständlich, und im Herzen des kleinen Judenknaben erstand die Poesie des Waldes.