Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 12 (1909)
- Article
- Feine Seelen
- Date
- 1909-01-01
- Page
- 217 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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217 immer vergnügter und freigebiger, die Juden spekulativer und reicher. Friedsohns Vetter galt als einer der reichsten. Und er sorgte auch für seine arme Waldschreibermischpoche. Denn als Jossel Friedsohn sich verheiraten wollte, gab er ihm eine selbstständige Stellung, mit demselben Gehalt, den sein Vater bezog, und freier Wohnung, etwas Ackerboden und Holz soviel sie brauchten. Und so schalteten die beiden Friedsöhne in diesen Wäldern, kannten nichts anderes als diese und waren zufrieden und fleißig. Denn sie hatten, wenn auch ein spärliches, so doch sicheres Brot; und im Sommer das Leben in der freien Natur und im Winter warme überheizte Stuben, denen der Dust des verbrannten frischen Holzes eine eigentümliche Atmosphäre gab. Daß sie den Reichtum ihres klugen Vetters vermehren Helsen durften, imponierte ihnen gewaltig. Er hatte sie im Grunde ja auch bedacht, und so freuten sie sich mit jedem neuen Stück Wald, das er zum Ausholzen bestimmte, registrierten mit Genugtuung jeden gefällten Baum und ahnten in ihres Herzens Unschuld und ihres Geistes Unverstand nicht, welchen Frevel sie unterstützten. Nichts wußten sie von Wert und Bedeutung der Wälder, soweit dieser sich nicht in Rubel und Kopeken, in Gulden und Kreuzer ausdrücken ließ. Ein Baum galt ihnen nichts in seiner natürlichen Schönheit und seiner gesegneten Herrlichkeit, nur sein zahlenmäßiger Wert fand ihr Interesse. Das Leben in der Natur, das. bei den Juden älterer Generationen überhaupt noch geringem Verständnis begegnete, ging ziemlich spurlos an ihnen vorüber. Sie sahen den Wald, er war gewissermaßen ihr Heimatsboden, aber sie liebten ihn nicht um seines wundersamen, geheimnisvollen Zaubers willen, sondern weil er ein Objekt guter Geschäfte war. Die prangende Pracht von Feld und Flur, des Frühlings Aussaat, des Sommers Frucht, des Herbstes Ernte gab ihnen keine tieferen Gefühle. Höchstens des Winters ruhevolles Behagen gewährte ihrem Innenleben einige Freude. Denn die Zeit der Tätigkeit war dann vorüber und sie durften in sriedsamer Muße sich der