Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 12 (1909)
- Article
- Feine Seelen
- Date
- 1909-01-01
- Page
- 216 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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216 Das geschah in ausgiebigster Weise. Das Holz wurde auf dem Flußlauf der Weichsel nach den Grenzgebieten befördert und dort verbraucht. Der polnische Holzhandel blühte. Die Gutsherren lebten als granä seigneurs, nahmen viel ein und gaben Alles ans, die Juden handelten und wurden reich, und das Volk arbeitete, hungerte und soff, soweit die arme christliche Bevölkerung in Betracht kam, die armen Juden hingegen arbeiteten, darbten und . . . sparten. Zu ihnen gehörte auch Hirsch Friedsohn der alte Waldschreiber und Jossel Friedsohn, der junge. Nichts anderes kannten sie als diesen Wald, und kein anderes Interesse hatten sie, als wie viele Bäume alljährlich geschlagen werden konnten, behauen, und als Flöße den Strom hinab gesandt. Darüber machten sie genaue Auszeichnungen, beaufsichtigten die Holzfäller und sonstigen Waldarbeiter, zahlten ihnen die Hungerlöhne aus und waren so gewissermaßen die oberste Aufsichtsbehörde dieser unermeßlichen Naturschätze. Friedsohn war ein entfernter Verwandter des Holzhändlers, der dieses Waldgebiet gekauft und zuerst urbar gemacht hatte. Sein armer, ehrlicher Vetter schien ihm zu dem Vertrauensposten eines Waldschreibers besonders geeignet. Er war ein verständiger, ruhiger Mensch, jung und kräftig, konnte auch schon etwas schreiben und lesen, wenn auch nur jüdisch-deutsch, und war sicherlich zuverlässig und gewissenhaft. Er durfte darauf rechnen, daß sein Wald bei ihm in besten Händen sei. So kam er dorthin, und dort verbrachte er sein Leben. Er begründete eine Familie, und sein Sohn lernte später von ihm, was er selbst sich im Laufe der Jahre mit praktischem Sinne und Erfahrung angeeignet hatte. Friedsohn der Altere und Friedsohn der Jüngere waren tüchtige Waldschreibersleute. Sie wußten Bescheid mit den Baumarten, mit der Arbeit, den Löhnen, dem Vertrieb, und führten gewissenhaft Buch über die Vernichtung der Wälder. Immer mehr nahm diese zu. Die Gutsherrn verkauften immer weitere Terrains, die Juden holzten sie immer ausgiebiger aus. Immer üppiger blühte der Holzhandel, während die Wälder verdorrten. Die Gutsbesitzer wurden