Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 12 (1909)
- Article
- Feine Seelen
- Date
- 1909-01-01
- Page
- 215 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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215 starrte Natur, erfüllt von bunten Farben und lichtem Glanze. Die Großeltern sahen sich betroffen an. Da war es wieder, was schon gestern Abend das Kind so ergriffen und beunruhigt hatte. Aber sie sagten kein Wort, um ihn nicht durch Widerspruch zu reizen. Nur still beobachteten sie ihn, wie er wie, von magischer Gewalt angezogen immer wieder an das Fenster trat und hinausstarrte in den Flockentanz. Nachdenklicher und ruhiger noch als gewöhnlich ging der Tag dahin. Nichts unterbrach nach außen seine friedliche Stimmung. Nicht, wie sonst das Geplauder und Lachen des Knaben, die freundlichen Antworten des Großvaters, die Zärtlichkeiten der Großmutter ... sie waren alle drei mit sich selbst beschäftigt. Die Alten waren beunruhigt von des Kindes Gebühren und seinen Einbildungen, und grübelten was wohl in das „Jüngel" gefahren sei, und dieses Jüngel sah den buntbefiederten Vögeln nach, die als weißer, ganz weißer Schnee zur Erde kamen. Nach dem Mittagessen rüstete mau die Heimkehr. Abraham sollte rechtzeitig fortgehen, um nicht zu spät zu Hause einzutreffen, bei seinen Eltern, die fast zwei Stunden entfernt, jenseits der Chanssee am Waldsaume wohnten. Vater und Sohn waren als Waldschreiber bei demselben Holzhändler angestellt. Der eine führte die Aufsicht über das weit nach Osten sich erstreckende Waldgebiet, der andere über das westlich sich ansdehuende. Zwischen diesen beiden Häuschen und dem sie trennenden großen Waldterrain spielte Abraham Friedsohns Kindheit und Jugend sich ab. Sein Großvater war ein alter Alaun geworden in diesen Wäldern, die sich allerdings erheblich gelichtet hatten im Laufe der Jahre. Die polnischen Gutsherrn beuteten die Wälder, die sie, fast Urwäldern gleich, von ihren Ahnherrn auf den Rittergütern übernommen hatten, gehörig aus. Sie verkauften oder verpachteten sie mit deni Rechte des Holzfällens an die Juden, lebten von dem Gelde herrlich und in Freuden und überließen diesen, den Wald auszuroden und die prachtvollen Stämme 31t verwerten.