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Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur · 1909-01-01 · 12 (1909) · p. 214

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Journal
Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
Volume
12 (1909)
Article
Feine Seelen
Date
1909-01-01
Page
214 (sequence 9)
Language
German
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— 214 weite Schneefelder wanderte, damit sein Großvater ihn die Sedra überhöre! Am nächsten Morgen wachte Abraham ganz vergnügt auf. Die Erregung und Abspannung des Abends hatten in einem gesunden, festen Schlaf sich völlig verloren. Der Knabe trat zum Großvater, der soeben sein Morgengebet beendet hatte. Er empfing den Segen von ihm, bevor er sich zum Frühstück setzte, mit dem die Großmutter auf ihn gewartet hatte. Das war herrlich, der dampfende Kaffe, der aus der Ofenröhre geholt wurde, wo er mit den übrigen für den Sabbat schon gestern bereiteten und warm gestellten Speisen brodelte, weil am Sabbat nicht gekocht werden durfte, mundete ihm vortrefflich. Dazu gab's selbstgebackenes Weißbrot und kleine Zuckerkuchen. Für den Liebling hatte Großmutter schon imnier etwas extra in Bereitschaft. Wie warm nnd freundlich war alles, was ihn hier umgab! Die alten Leute in ihrer Zärtlichkeit nnd Frömmigkeit und echten „Jüdischkeit". Sein kindliches Gemüt empfand es, ohne daß er wußte, woher das stammte, was ihn so froh machte, ohne daß er verstanden hätte, daß es die Segnungen zufriedener, stiller, gotterfüllter Herzenseinfalt waren, die dieseni ärmlichen Hause soviel Würde und Weihe gaben. So eine rechte Säbbatstimmung. Nach dem Frühstück lief er zum Fenster und schaute hinaus in das Schneetreiben, das ununterbrochen fortdauerte. Faustgroße Flocken wirbelten durch die Luft, und Abraham jubelte nnd rief: „Schau nur her, Großvater, schau her, große, weiße Vögel fliegen umher . . er lachte lustig auf, „weiße Vögel, tausend, tausend weiße Vögel flattern durch die Luft ... ", mit bohrendem Blick verfolgte er die Schneewirbel, „und . . . ja . . . sieh nur Großvater, sieh nur genau hin, siehst Du, dort und dort und da . . . die weißen Vögel haben rote Flügel und blaue ... ja sieh nur und gelbe ... ganz gelbe . . ." Der weiße Schnee hatte Leben und Farbe gewonnen in der Phantasie und in den Augen des Knaben. Was er gestern nur unklar empfunden, wurde in dieser Stunde für ihn zur Gewißheit. Lebendig erschien ihm die er-

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