Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 12 (1909)
- Article
- Feine Seelen
- Date
- 1909-01-01
- Page
- 213 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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213 gelbe und blaue und grüne. Die bewegten sich auf und ab und sprangen umher wie Funken . . ." Mit einem Blick stillen Einverständnisses sahen die beiden Zuhörenden sich an. Das war doch zu viel, mehr als er jemals ihnen vorgeschwatzt hatte. Rote und gelbe, blaue und grüne Farben hatte er gesehen auf diesen blendend Weißen Schneefeldern, die weiß waren, nur weiß! Weiß, wie in jedem Winter ... so wie sie es gesehen seit undenklichen Zeiten. Damals wie sie selbst noch Kinder waren und wieder, immer wieder, bis sie alte Leute wurden. Auch heute war alles weiß, wie sie vorhin nach dem Knaben ausgeschaut hatten. „Er hat sich vielleicht doch erkältet," flüsterte die Frau ihrem Manne zu, und beide sahen wieder verängstigt nach dem Kinde, das die Blicke, wie in eine^unstchtbare Ferne gerichtet, mit träumenden Augen vor sich hinblickte. „Es wird am besten sein, du gehst jetzt schlafen, Awromele, und wachst morgen wieder gesund auf . . . und dann ist der Schnee wieder schneeweiß . . . ganz weiß ..." „Ja, Muhme, ich will schlafen gehen . . ." er rüttelte sich auf, aber in seinen Augen war ein geheimnisvoller Glanz, als hätte er eine Vision gehabt . . . „und morgen is Schabbes . . . und der Schnee ist ganz weiß . . ." Sein Kopf sank herab, und wie vom Schlummer jäh übermannt, taumelte er. Vorsichtig umschlang die Großmutter den Schlaftrunkenen, ihn aus dem Zimmer zu geleiten und zu Bett zu bringen. „Rot und gelb . . . und gelb . . .", lallte das Kind wie im Traum. Etwas beunruhigt und verwundert blickte der Großvater ihnen nach. „A merkwürdig Kind . . .", murmelte er vor sich hin, „ä ganz närrisch Jüngel. .. roter Schnee . . . un blauer Schnee . . . meschugge . . . rein meschugge ..." Wie hätte er ahnen sollen, daß das Geheimnis der Farbensymphonie sich heute nachmittag seinem Enkelsohn erschlossen . . . dem armen Waldschreiberknaben, der durch