Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 12 (1909)
- Article
- Feine Seelen
- Date
- 1909-01-01
- Page
- 211 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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— 211 — ihr stand. „Gelobt sei Gott, daß Du da bist, Abraham, mein gutes, braves Junget", begrüßt sie die Riesenflocke. Da schüttelt er mit einem Jauchzer den Schnee von sich ab und tritt an ihrer Hand über die Schwelle der Stube, gerade als der Großvater sein „Lechodaudi" anstimmte. „Gut Schabbes!" rief der tapfere, kleine Gast frohlockend. Allwöchentlich einmal macht er diesen Gang. Sommer und Winter. Stets an Erew Schabbes, sodaß er,Freitag zu Nachts' bei den Großeltern eintrifft, um den Sabbat dort zu verbringen und ,überhört' zu werden, ob er das Wocheupensmn der Sedra auch gut erlernt hat. Eine Feierstunde ist es für den alten Mann, wenn er den Enkelsohn so vor sich stehen sieht, erfüllt von der Lehre, die hinüberführt zu der urtiefen Weisheit des Talmuds. Abraham soll diesen studieren, das ist der höchste Lebenswunsch des Großvaters. Er hat einen feinen Kopf und ist ein aufgewecktes Jüngel. Ihm soll des Wissens geheimster Born sich erschließen. Mehr soll er lernen, als es ihm und dem Sohn vergönnt war. Armselige Waldschreibersleute! Aber der Enkel, ja der Enkel sollte einmal Talmud erlernen . . . vielleicht gar ein Row werden! Wer weiß? So merkwürdige Einfälle hat das Kind und so nachdenkliche Fragen tut es, die kein Mensch beantworten kann. Jetzt wieder! Sie hatten sich zum Nachtessen niedergesetzt. Ein Festmahl, das für die ganze Woche Freude ausgoß über das sonst so kärgliche Leben dieser Leute. Freitag abends gab es Barches und Fleisch und manchmal sogar eine süße.Nachspeise. Gedörrte Pflaumen oder Apfelmus, Leckerbissen für den kleinen, durchaus nicht verwöhnten Jungen. Und vom Kidduschwein gabs stets ein Schlückchen ab für Großmutter und ihn. Diese nippte zwar 'nur an dem Becher, er aber nahm einen herzhaften Schluck und dann lachte er und schnalzte mit der Zunge. Denn der Wein war süß, weil er aus Rosinen bereitet war. Das war alles so lieb und traulich, und sein Kinderherz war erfüllt von Dankbarkeit und Frohsinn, und um den alten, guten Großeltern auch eine Freude zu bereiten, fing er 14«