Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 12 (1909)
- Article
- Feine Seelen
- Date
- 1909-01-01
- Page
- 210 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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210 mit blitzenden, fröhlichen Augen und lachendem Munde, so ganz und gar nicht koboldartig, sondern gesund und munter mit der rechten, kecken Jungensmanier und dem Selbstgefühl eines durch nichts getrübten Kindergemüts. Jugendmut! Das war's. Jetzt bückt er sich nieder, rafft eine tüchtige Menge des weichen Schnees mit seinen in derben Fausthandschuhen steckenden Händen zusammen und ballt sie zu fester Schneekugel, die er hoch in die blaue Luft des hellen Wintertages schleudert und laut aufjauchzt, als sie oben zerstiebt und in Flocken herabfällt. Mehrmals wiederholt er das Spiel, dann stampft er lustig weiter durch Eis und Schnee und Einsamkeit und Totenstille. Plötzlich pfeift er sich eins. Das verhallt aber gegen den Wind und er versuchts mit dem Singen. So gehts besser. Leise summt er eine Melodie vor sich hin. Liebe, vertraute Klänge. Bald wird er sie hören in dem kleinen, warmen Stübchen, erleuchtet von der siebenarmigeu Sabbatlampe. Der Großvater wird sie anstininien, „ Lecho daudi likras kalloh.“ Der Gedanke daran beflügelt seine Schritte. Hastig strebt er vorwärts. Es sängt langsam zu schneien an, aber bald werden die Flocken dichter und immer dichter, wirbeln um ihn her in tollem Treiben und erfüllen alles ringsum mit fast undurchdringlichem, weißen Flaum. Nicht mehr wie ein schwarzer Kobold sieht er aus, sondern wie ein Schneemännlein, das kaum noch der Form nach sich aus dem Schneewirbel heraushebt, bald selbst eine große Flocke, eine Riesenflocke, wie er jetzt dahinsaust und vom Winde mit dem Gestöber in eins verweht scheint. Alles nur ein unendliches Winterspiel! Die große Natur und der kleine Knabe. Der hat auch jetzt keine Furcht. Mit der ahnungslosen Sicherheit des Kindes, das an Gefahren nicht denkt, hastet er weiter und immer weiter. Er kennt den Weg und weiß, daß er bald am Ziel ist. Und endlich ist's erreicht. In der geöffneten Hauspforte steht die Großmutter, die schon bänglich nach ihm ausgelugt und sein Nahen gar nicht gemerkt hatte, mit ihren alten, vom Schneelicht geblendeten Augen. Bis er mit all denr silbrigen Geflock heraugeweht dicht vor