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Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur · 1909-01-01 · 12 (1909) · p. 200

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Journal
Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
Volume
12 (1909)
Article
Ludwig Jacobowski
Date
1909-01-01
Page
200 (sequence 21)
Language
German
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200 An poetischem Gehalt, MI Gestaltungskraft, an Weite des Horizontes steht „Loki" weit über dem „Werther", soweit daß sich das Schönste hoffen läßt, wenn diesem Dichter zu all den Gaben, die er bereits besitzt, noch die letzte geschenkt sein wird: die durchdringende Klarheit. Wenn-aber Ludwig Jacobowski erlag dem Typhus am 2. Dezember 1900. Ist es nicht merkwürdig, daß der Dichter für seine höchsten sozialen, philosophischen und religiösen Gedanken die deutscheste Form suchte, die deutscheste Göttersage, das altdeutsche Pathos in Alliteration und Wortwahl? Und daß er sich in einem Tagebuchvers an den nationalistischen Kritiker Adolf Bartels ausdrücklich dagegen verwahrte, daß er in Dahns und Wagners Spuren gewandelt sei? Nur das eigene Licht habe ihn diesen Weg geführt, betonte er. Der jüdische Student, der sich für die „deutsche" Studentensitte des Fechtens und Biervertilgens begeistert; der jüdisch-deutsche Poet, der seinen Stoff aus der Edda holt — Ludwig Jacobowski selber hatte doch wohl manchen Tropfen Wertherblut in seinen Adern. — Die letzten Skizzen, die Jacobowski hinterließ („Stumme Welt" 1901) verlieren sich ganz ins Gefühlsmäßige, Schwärmerische, Tastende. Dem persönlichen Gott seiner Kindheit hat der Mann sich ganz entfremdet. Aber nun ist ihm alles Leben durchgöttlicht. Die Blume, die ihn erfreut, hat ihre Kraft gezogen aus dem modernden Haupt eines Dichters; das Rauschen des Waldes, das Plätschern des Baches bedeutet lebendige Sprache, die nur dem Menschenohr unverständlich ist; in der Nacht ist Jacobowskis Zimmer seltsam belebt: Stühle, Ofen, Wände scheinen zu flüstern, zu seufzen. Alles lebt, ist dem Menschen verwandt, fühlt Lust und Leid wie er. Und der Dichter sucht und sehnt sich und schwärmt und tastet: „Ich sehe dem All ins Herz, jeder Blume und jedem Stein, jedem Auge und jedem Blick. Und schaue durch Nebel und Mauern wie durch dünnes blankes Glas. Und horche auf tausend Stimmen, die niemand vernimmt, und höre tausend Klagen, die keine Seele trinkt. Bin Bruder von Halm und Strauch, bin Bruder von Duft

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