Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 12 (1909)
- Article
- Ludwig Jacobowski
- Date
- 1909-01-01
- Page
- 196 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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196 geliebt und sehr gequält haben, denn bis zuletzt verfolgte ihn der Gedanke au sie und auch an seine Schuld. Er hat danach manches Liebesabenteuer durchlebt; aber immer wieder galten der Jugendgeliebten die schönsten Verse. Von ihr handelt auch die tiefpoetische Skizze: „Mein blinder Freund" in „Satan lachte". Doch sind die für Jacobowski's Entwicklungsgang bemerkenswertesten Stücke dieses kleinen Buches (von 1898) etliche soziale Geschichten. Die „Träumereien aus Alt-Berlin" über das Thema „Reich und Arm" vermag ich nicht sonderlich hoch einzuschätzen; sie sind trivial. Auch die lustige exotische Fabel vom „schlausten Dieb", die von der Bestechlichkeit der siamesischen Beamten handelt, greift nicht gerade tief. Dagegen ist „Parfüm" eine eigenartige Geschichte vom plebejischen Arbeiterstolz aristokratischem Schönheitsdurst gegenüber. Nur daß Jacobowski gewiß ebenso viel Gefallen an dem zartfühlende Naschen der Komtesse wie an der ölduftendeu Joppe des Ingenieurs findet. Ergreifend wirkt die Skizze: „Wie ich einmal den lieben Gott vergessen". Ein junger, frommer Christ verliert seinen Glauben, als er aus einem alten Buch den Jammer und die Ungeheuerlichkeiten des Bauernkrieges kennen lernt. Auch nur skizzenhaft, doch trefflich belebt und gestrafft, handelt vom Sozialen der Einakter „Arbeit", den Jacobowski zur Feier der Jahrhundertwende für das Berliner Theater verfaßte. Aufrührerische Arbeiter einer Schiffsmaschinen-Fabrik, die im kritischen Augenblick durch eine waghalsige Tat ihres jungen Direktors zum Weiterarbeiten bewogen und dann durch Gewinnbeteiligung versöhnt werden — das ist alles und ist natürlich nicht sehr viel vom weiten sozialen Gebiet. Aber all' diese Arbeiter und ihre Vorgesetzten leben wahrhaftig und sprechen gut und eindringlich zur Sache. Und in dem kleinen Stück lebt jugendliche Frische und begeisterter Glaube an die Möglichkeit sozialen Friedens und sozialer Gerechtigkeit. Es ist im besten Wortsinne ein Volksstück, und es erfüllte durchaus seine Aufgabe, einen markanten Zug des neunzehnten Jahrhunderts festzuhalten. Vorwiegend sozial auffassen möchte ich das einzige