Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 12 (1909)
- Article
- Ludwig Jacobowski
- Date
- 1909-01-01
- Page
- 195 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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195 Während an dieser Komödie noch große Längen eine ungeübte Hand verraten, bedeutet eine knappe Novelle aus dem gleichen Stoffgebiet das dichterisch Beste, was Jacobowski überhaupt in Prosa geschaffen hall „Der kluge Scheikh" ist eine meisterlich straff erzählte Geschichte von Liebe und Rache. Am einfachen Vorgang wird der Charakter entwickelt, die Leidenschaften und Gedankengänge primitiver Menschen aufgezeigt. Georg Brandes hat vollkommen Recht, wenn er hier Jacobowski einen „Nachkömmling von Kleist" nennt. (Wenn er nur nicht das gleiche Lob auf einige unbedeutende Sächelchen des Skizzenbandes „Satan lachte . . ." ausdehnen wollte!) „Möglich," fährt Brandes fort, „daß er, wenn ein längeres Leben ihm vergönnt gewesen wäre, seine Fähigkeiten zu farbenreicher und plastischer Wiedergabe entwickelt hätte, wie sie sich hier verrät." Immer nur diese traurige und unerfüllte Hoffnung auf die Zukunft. „Der kluge Scheikh", eine so treffliche Novelle das auch ist, bedeutet für Jacobowski eigentlich auch nur eine Vorbereitung, eine psychologische und stilistische Studie. Sein wirkliches Ziel heißt: die Darstellung der eigenen Zeit. Und kraftvoll steuerte er auch diesem Ziele zu. In seine Skizzen, seine Verse kam manches vom sozialen Leben Ser Gegenwart. Es war durchaus selbstverständlich, daß er dabei auf Seiten der Unterdrückten, der Glücklosen stand. Denn glücklos war der reifende Mann noch gerade so sehr, wie der Knabe. Er lebte jetzt als „freier" Schriftsteller in Berlin. Ich weiß nicht, ob aller Welt bekannt ist, was es mit der Freiheit eines Schriftstellers auf sich hat, der es ernst meint mit seiner Kunst, der eben nur deshalb von anderen Berufen freigeblieben ist, um ihr völlig dienen zu können, und der als einziges Kapital nur eben diese Kunst besitzt. Solch ein freier Schriftsteller pflegt nur von einem nicht frei zu sein: von drückender, kleinlicher Not. Dazu kam eine große Einsamkeit. Als Knabe noch hatte er die Mutter verloren, dem Jüngling starben rasch nacheinander der Vater, zwei Brüder und die Verlobte. Der letzte Verlust war auch der schwerste. Er muß seine Martha 18*